Allgemein, Landwirtschaft, Schweinehaltung

Willkommen auf unserer Seite – wir sind die Brokser Sauen

blog11Wir sind Familie Henke: Heinrich & Nadine, Theis, Nienke und Tjorven. Wir sind eine absolut schweineverrückte Familie. Kommt mit – wir laden Euch ein – seid virtueller Gast in unserem Betrieb.
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Allgemein, Kommentar, Landwirtschaft, Tierrechtler

Was Trump kann, kann das Deutsche Tierschutzbüro schon lange

Das Deutsche Tierschutzbüro hat in einem Rinderschlachthof in Oldenburg Tierschutzverstöße aufgedeckt. Aktivisten haben dieses im September und Oktober 2018 mit versteckten Kameras in mehrere hundert Stunden Videomaterial dokumentiert und an das Deutsche Tierschutzbüro übergeben. Die Recherche-Ergebnisse wurden Dienstag im Rahmen einer Pressekonferenz in Oldenburg zusammen mit der Veterinärmedizinerin Dr. Claudia Preuß-Ueberschär und der Juristin Dr. Davina Bruhn vorgestellt.

Fachpresse unerwünscht

Zur Pressekonferenz wurde eingeladen – neben einer Meldung bei Presseportal wurden auch Einladungen verschickt, auch an den DLV beziehungsweise die Land & Forst. Eine Anmeldung war erforderlich, so dass sich auch die Vertreter von der Land & Forst höflich angemeldet haben. Nur die Pressekonferenz war, auch wenn man zunächst eingeladen wurde, offensichtlich nicht für jeden zugänglich – so erfolgte dann die telefonische Ausladung – dazu Ralf Stephan, Chefredakteur der Land & Forst:

 Nachdem wir uns höflich angemeldet hatten, klingelte das Telefon: Ihr kommt hier nicht rein. Natürlich kann jeder private Verein bestimmen, wen er wo dabei haben will. Aber wenn ich erst einlade und dann sortiere, kriegt es ein Geschmäckle. Erst recht, wenn ein Verein gemeinnützig sein möchte.

In Deutschland herrscht Pressefreiheit. Die Pressefreiheit ist ein Grundrecht. Es ist die Freiheit, Tatsachen, Meinungen (Gedanken), Stellungnahmen und Wertungen durch jede Art von Druckerzeugnissen (z. B. Bücher, Zeitungen, Flugblätter) zu verbreiten. Sie wird durch Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG zusammen mit dem Recht der freien Berichterstattung durch Rundfunk und Film verfassungsrechtlich gewährleistet.

Pressefreiheit adé

Für uns ist es vollkommen unverständlich, dass das Deutsche Tierschutzbüro hier so agiert. Wenn sie einen Skandal aufdecken, der mit der Landwirtschaft zu tun hat, wäre es wichtig, auch die Landwirte in der Region zu informieren. Deswegen ist es absolut befremdlich, dass gerade die landwirtschaftliche Fachpresse von dieser Pressekonferenz ausgeschlossen wird. Ralf Stephan ist der Auffassung:

Mit der LAND & Forst hätte man fast 90 % der Landwirte in NDS erreicht. Die wären natürliche Verbündete, wenn es um tierschutzgerechten Umgang mit Schlachtvieh geht. Darum geht es Peifer aber gar nicht.

 

Allgemein, Bullerbü, Kommentar, Landwirtschaft, Politik

Wenn Widerstand zur Pflicht wird, was wird dann aus dem Recht?

Jedes größere Projekt, was in Deutschland in die Planungsphase geht, findet binnen kürzester Zeit Gegner. Es werden Probleme konstruiert und somit Ängste geschürt, um auf diesem Wege Mitstreiter und Geld zu akquirieren. Prominente Beispiele sind Stuttgart 21 oder auch ganz aktuell Hambi.

Wie im Großen so im Kleinen

Auch bei vielen geplanten landwirtschaftlichen Projekten finden wir diesen Mechanismus wieder – egal ob Stallneubau oder Biogasanlage, sogar bei traditioneller Weidehaltung wird protestiert:

Sein Ziel: ein komplettes Verbot der Weidehaltung auf dem Grundstück...

Der Lärm durch die Kuhglocken sei unzumutbar, schildert die Richterin die Argumente des Nachbarn. Seine Frau leide deswegen unter Schlaflosigkeit und „depressiven Verstimmungen“. Dazu komme der Gestank des Kuhmists, der Insekten anlocke, die wiederum Krankheiten übertragen, so der Kläger. Überdies habe sein Haus durch die Weide 100000 Euro an Wert verloren. Und nicht zuletzt seien die Glocken ohnehin Tierquälerei, argumentiert der Anwalt.

Aus diesem Grund überlegt sich ein Landwirt eher dreimal, ob er überhaupt in eine Projektplanung einsteigt. Es besteht halt immer die Gefahr, dass eine solche Investition im wahrsten Sinne des Wortes in den Sand gesetzt wird. Denn selbst wenn eine Planung genehmigungsfähig ist, werden durch öffentlichen Druck Planungen zurückgezogen.

Innovationen im Bereich Tier- und Umweltschutz werden verhindert

Die Konsequenzen aus diesem öffentlichen Druck sind, dass alte Stallanlagen länger betrieben und nicht erneuert werden und innovative Stallbausysteme, die eine Verbesserung im Bereich Umwelt- und Tierschutz bieten würden, nicht gebaut werden.

Die Folgen in den Dörfern

In den Dörfern kommt es zu einer Spaltung der Gesellschaft. Auf einmal bilden sich zwei Lager – die einen, die hinter der Familie stehen und ein anderes Lager, die sich gegen das Projekt aussprechen. Die Diskussion über solche Bauprojekte verlässt sehr schnell die Sachebene. Es gibt Fälle, da wird das Ganze auf dem Rücken der Familien und häufig auch der Kinder ausgetragen: die Kinder werden nicht mehr zu Geburtstagen eingeladen, die Familie wird beim Dorffest gemieden.

Ist jedes Mittel recht?

Ein aktueller Fall aus Hessen zeigt wie weit einige bereit sind zu gehen. Ein Landwirt stellt einen Bauantrag für einen Hähnchenmaststall. Mit diesem weiteren Betriebszweig möchte er den landwirtschaftlichen Betrieb in die nächste Generation zu führen. Es bildet sich eine Bürgerinitiative „Pro Waldeck“. Es wird eine online-Petition ins Leben gerufen. Die Gegner mobilisieren rund 400 Teilnehmer für eine Menschenkette über die Eder-Sperrmauer als Protest gegen die Hähnchen-Mastanlage. Auch das Hessenfernsehen in Form von hr-„Klartext“-talk war zu Gast in Waldeck – es wurde live über den Stallbau debattiert, Und zu guter Letzt wurde versucht, dem Landwirt die Existenzgrundlage „Acker“ zu entziehen. Der Landwirt hat kreiseigene Flächen gepachtet. Die Grünen stellten einen Antrag, dass geprüft werden soll, ob eine vorzeitige Auflösung des Pachtverhältnisses möglich ist. Die Gefahr, durch politische Entscheidungen im Kreistag die gesamte wirtschaftliche Existenzgrundlage des bisherigen Ackerbaubetriebes zu verlieren, ist so groß, dass die Familie sich entschlossen hat, den Bauantrag zurückzuziehen.

Wir fassen noch einmal kurz zusammen:

Der Landwirt hat keine Straftat begangen, sondern hat sich an dieser Stelle immer an geltendes Recht und Gesetz gehalten: er hat einen Bauantrag gestellt und ein BImSch-Verfahren bis zum heutigen Zeitpunkt durchlaufen, wie es im Rechtsstaat der Bundesrepublik Deutschland vorgeschrieben ist. Die Fraktion der Grünen im Kreistag hat dieses rechtsstaatliche Verfahren durch den gestellten Antrag unterlaufen und damit den Landwirt und seine Familie in äußerste Bedrängnis gebracht.

Unser Kommentar

Wir stellen uns die Frage – wo kommen wir eigentlich hin, wenn Bauvorhaben nicht mehr den normalen, vorgesehenen Amtsweg gehen können, sondern „politisch“ entschieden werden? Diese aufgebaute Drohkulisse ist ein Paradebeispiel für den Untergang der politischen Kultur, aber auch des fairen Umgangs miteinander.

Allgemein, Frag den landwirt, Glyphosat, Kommentar, Landwirtschaft, Politik

Glyphosat-Verbot durch die Hintertür: wenn es die EU nicht regelt, muss es doch noch anders gehen…

Umweltbundesministerin Schulze legte gestern einen Plan für einen Glyphosat-Ausstieg vor. Dazu soll die Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung geändert werden. In der Pressemitteilung dazu heißt es:

Der einfachste Weg, ein Verbot des Wirkstoffs auf EU-Ebene, ist bis Ende 2022 verbaut, weil der frühere Bundeslandwirtschaftsminister in Brüssel für eine erneute Genehmigung des Wirkstoffes gestimmt hat – entgegen der Abmachung der damaligen Bundesregierung. Jetzt müssen wir alle rechtlichen Hebel nutzen, die uns auf nationaler Ebene für einen Glyphosat-Ausstieg zur Verfügung stehen. 

Umweltbundesamt Präsidentin Maria Krautzberger dazu weiter:

Solange Glyphosat in der EU zugelassen ist, ist es rechtlich nicht möglich, seinen Einsatz im Rahmen des Zulassungsverfahrens ganz zu verhindern. Gleichwohl müssen wir jede Möglichkeit nutzen, um die schlimmsten Auswirkungen auf die biologische Vielfalt abzuwenden, indem wir neue und wirksame Auflagen vorschreiben.

Quelle: BMU

Wir fassen noch einmal zusammen: Weil Glyphosat aufgrund der Zulassung nicht verboten werden kann, will das Umweltbundesministerium nun ein indirektes Verbot einleiten, indem sie Verbote in die Anwendungsverordnung aufnehmen, was wiederum einem Verbot gleichkommt. Dadurch wird der Einsatz quasi unmöglich. Das Bundesumweltministerium erzeugt also ein Verbot durch die Hintertür.

Entwicklung neuer Alternativen

Und es wird noch besser. Das Bundesministerium fordert tatsächlich die Pflanzenschutzmittelhersteller auf, innerhalb von 3 Jahren Alternativen zu entwickeln und anzubieten. Die Zulassungsverfahren dauern jedoch gerne auch mal bis zu 10 Jahren. Zudem fordern sie für jedes Pflanzenschutzmittel, was die Biodiversität schädigt, neue Naturschutzauflagen. Ich stelle mir die Frage, wie das in der Praxis bei einem Herbizid aussehen kann bzw. soll?

Was sagen Landwirte dazu?

Gestern habe ich bei dazu in den sozialen Medien viele Meinungen gelesen. Eine hat mich durchaus nachdenklich gestimmt, deswegen möchte ich sie Euch hier nicht vorenthalten. Sie ist von Henrik Brunkhorst.

Henrik Brunkhorst

Henrik hat eine landwirtschaftlichen Ausbildung gemacht und danach an der Hochschule Osnabrück Agrarwissenschaften studiert. Er ist Bachelor of Science. Gemeinsam mit seinen Eltern bewirtschaftet er einen Ackerbaubetrieb mit einer Biogas-Anlage in Schöttlingen im Landkreis Stadthagen.

Vor einem halben Jahrhundert war die Entwicklung von Pflanzenschutzmitteln einer der größten technischen Fortschritte. Endlich war es möglich, Missernten durch Pilze, Insekten, Viruserkrankung oder Unkräuter zu verhindern. Wissenschaftler bekamen Nobelpreise. Es war möglich, die insbesondere in den Städten wachsende Bevölkerung zu ernähren und Hungersnöte in Deutschland in die Geschichtsbücher zu verbannen.

 

Im Laufe der Zeit haben sich die Pflanzenschutzmittel immer weiter entwickelt – sie wurden nach ökologischen Gesichtspunkten erforscht, Aufwandmengen wurden reduziert und die Ausbringtechnik ist dank GPS zentimetergenau. Gefährliche Stoffe wurden verboten.

Landwirte bekommen in Deutschland heute die beste Ausbildung weltweit, um Pflanzenschutzmittel anwenden zu dürfen. Wir haben den Lebenszyklus der Krankheiten und Unkräuter studiert und setzen, auch aus ökonomischen Gründen, Pflanzenschutzmittel und insbesondere Glyphosat nur dann ein, wenn es keine vernünftige Alternative gibt.

Doch unsere Gesellschaft ist satt, es geht uns gut. Lebensmittel gibt es im Überfluss. Trotz Dieselkrise verdienen wir bei VW und Co. ein halbes Vermögen. Die Regale stehen voll. Die Meinung der Umweltverbände zählt mehr als wissenschaftliche Erkenntnisse. Warum sollten wir also nicht Glyphosat verbieten? Oder alle Pflanzenschutzmittel? Machen wir alle Bio, ernten die Hälfte und kaufen den Rest vom Weltmarkt. Wir können es uns doch leisten und in Südamerika achtet man ja auf die Umwelt. Und das Kind in Afrika wird schon noch eine Kokosnuss finden. Oder flieht nach Deutschland, bei Edeka gibt es genug Kokosnüsse…

Wie seht Ihr diesen Vorstoß des Bundesumweltministeriums? Schreibt uns gerne.

Allgemein, Christina Annelies, Kommentar, Landwirtschaft

Wenn mit dem Bauerntum das Wissen um die Landwirtschaft verschwindet

Mein Oktober-Lieblingsbild: Der moderne Blick auf die Landwirtschaft (Quelle: http://www.ichliebelandwirtschaft.de)

von Christina Annelies – Blog Agrar

Am 18.10. 2018 veröffentlichte das SZ-Magazin (Süddeutsche Zeitung) in dem Beitrag »Mit Milch verbinden wir keine Schmerzen, keine Schlachtung« ein Interview mit der Fotografin Manuela Braunmüller. Diese hatte in einer Fotoreportage den Weg der Milch von der Besamung der Kuh bis zu ihrer Tötung begleitet. Auf die abschließende Frage, ob sich etwas an Ihrem eigenen Milchkonsum geändert habe, antwortet die Fotografin:

Ja, ich trinke keine Milch mehr. Ernährung ist ja ein emotionales Thema. Aber es ging mir nicht darum, irgendjemand abzuschrecken. Sondern allein darum, die Kuhmilchherstellung in industrialisierten Ländern zu zeigen. Das Bild vom Bauern, der bei Sonnenaufgang eine Kuh mit der Hand melkt, ist einfach veraltet. Durch unseren massenhaften Konsum hat sich das so verändert. Bei Kuhmilch geht es primär um wirtschaftlichen Profit.

Mir ist der Kragen geplatzt. Im Folgenden das Resultat, so wie ich es bei Facebook dem SZ-Magazin in den Thread gehauen habe:

Schimpfkanonade

Dann möge die Fotografin bitte selber hingehen und ihre Milch mit der Hand melken, statt zu jammern. Nicht immer nur kritisieren und fordern, macht es selber!

Diese romantisierte Vorstellung von Landwirtschaft ist unerträglich. Sie wird mit jedem Jahr unerträglicher, weil eine total durchurbanisierte Öffentlichkeit keine Ahnung mehr hat von der Erzeugung ihrer Lebensmittel. QED. Sonst wüsstet Ihr alle da draußen, dass Ihr Euer Leben mit Nine to Five, Wochenende und regelmäßig Urlaub leben könnt, weil Ihr selber nicht mehr auf den Höfen anpacken müsst wie vor 50 oder 100 Jahren.

Wenn man die Eier will, darf man die Henne nicht schlachten

Stattdessen profitiert Ihr tagein-tagaus von der Agrarindustrie, lehnt sie aber trotzdem ab, verachtet sie sogar! Schlimmer noch: Durch Eure einseitige, so oft uninformierte Darstellung basht Ihr die moderne Landwirtschaft UND die Landwirte. 80 Mio. Menschen haben die Ahnung und stellen lauthals ihre Forderungen, nicht einmal mehr 2 Prozent machen die Arbeit auf den Höfen und den Feldern, und zwar sieben Tagen die Woche.

Mem mit Zahlen zur LandwirtschaftMassenhaft war auch früher schon. Fakten, die verstören?

Und da 80 Mio einfach nicht irren können, werden zunehmend Gesetze erlassen in Sachen Tierwohl, Düngung, Umwelt, Lebensmittelhygiene etc. Das wisst Ihr bloß nicht, weil es nie, NIE berichtet wird. In der Berichterstattung wird immer nur draufgehauen. Die Verordnungen wollen Landwirte wohl umsetzen, können es aber zunehmend nicht leisten. Weil die Forderungen an den Supermarktkassen nicht entlohnt werden.

Resultat: Ihr alle da draußen betet die bäuerliche Landwirtschaft an, legt aber kollektiv eine Attitüde an den Tag, die wiederum ein Grund dafür ist, dass Landwirte ihre Höfe schließen. Ich höre immer häufiger, dass Bauern ihren Kindern NICHT empfehlen, weiterzumachen. Vom bösen „Massentierhalter“ bis hin zum „guten“ Bio-Kartoffelbauern. Sie haben keine Lust mehr auf Hetze. Sie macht nicht nur rat- und hilflos, sie macht krank. FAKT. Ihr macht kaputt, was Ihr erhalten wollt.

Gute alte Zeit?

Was das Deckphoto betrifft: Würde mal bitte jemand der Verfasserin erklären, dass damals in der guten alten Zeit, als nicht künstlich besamt wurde, Herr Bulle von einer Dame zur anderen weitergereicht wurde zwecks Besamung. D.h. 200 bis 400 kg (kenne mich nicht genau aus) knallen auf eine Kuh drauf. Könnte man wissen, à propos Romantik. Und natürlich weiß auch keiner, dass die Deckbullen seinerzeit nicht selten Geschlechtskrankheiten weiterreichten, so dass die Kuhbestände teils ganzer Dörfer erkrankten waren und die Tiere keine Milch mehr gaben. Tierwohl? Vergesst es. Übrigens, was ist das denn für eine Rasse, wo wurde das Bild aufgenommen? In Deutschland?

Audiatur et altera pars!

Nur ein Landwirt weiß, was ein Landwirt weiß! Sprecht ihn an, wenn Ihr zur Landwirtschaft arbeitet! Fragt doch mal den Landwirt anstatt aus Euren landwirtschaftsfernen Perspektiven heraus einseitig Euch zur modernen Landwirtschaft zu äußern.

Eine ganz heiße Adresse, extra für Euch geschaffen: Der Bauernwiki Frag doch mal den Landwirt.

Speziell zu Kühen: Videoplattform My KuhTube – Milch-Bauern drehen Videos – zwei neue pro Woche

Auch die andere Seite will gehört werden! Audiatur et altera pars – da waren die alten Römer aber um Längen zivilisierter als der Deutsche im 21. Jahrhundert.

Bitte mal sacken lassen:

Dr. Andreas Möller hat es in der FAZ (20.09.18) in seinem Beitrag „Hört auf zu träumen“ mit einem Zitat eindrücklich auf den Punkt gebracht: „Und in Ulrich Raulffs lesenswerter Geschichte des Verschwindens der Pferde aus dem Erscheinungsbild der Dörfer und Städte kommt der Kunsthistoriker Jean Clair zu Wort, geboren 1940 als Sohn einer Bauernfamilie. „Ich gehöre zu einem verschwundenen Volk. Bei meiner Geburt machte es noch 60 Prozent der französischen Bevölkerung aus. Heute sind es keine 2 Prozent mehr. Eines Tages wird man anerkennen, dass das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts nicht der  Aufstieg des Proletariats war, sondern das Verschwinden des Bauerntums.

Soweit mein Rant beim SZ-Magazin

Die im Interview getätigten Aussagen sind symptomatisch für eine Zeit, in der selbst Basiswissen zur Landwirtschaft in breiten Teilen der Gesellschaft inexistent ist. Symptomatisch ist ferner die Attitüde, die durchschimmert: Ich habe es nicht nötig, mir dieses Wissen anzueignen. Zur modernen Landwirtschaft, zur Massentierhaltung ist doch alles gesagt: Die ist einfach nur böse-böse-böse.

In diesem Kontext möchte ich einige Fragen ansprechen, die sich mir immer wieder stellen:

Halbe Wahrheiten

Im ersten Absatz fällt mit Blick auf die Fotoreportage der Satz:

Grüne Wiesen kommen dabei nicht vor.

Es verwundert, dass die Weidehaltung unter den Tisch gefallen ist. Obwohl, nein, eigentlich verwundert es nicht. Im Reich des Bösen, aka in der Massentierhaltung, wollen Bilder von entspannten Kühe auf der grünen Wiese, scheint’s, nicht ins Konzept passen. Recherche fällt halt aus. Dabei stehen in Deutschland sehr viele Kühe auf Weiden rum. Und diese sind, man höre und staune, in der Regel sogar grün (die Weiden, nicht die Kühe ;-)).

Ich bin mir sicher, Amos Venema, Landwirt, Kuhhalter und Blogger bei BlogAgrar, ist gerne bereit, Fragen zu Kuhhaltung, Milch und Wiese zu beantworten. Neben www.mykuhtube.de erreicht man ihn auch bei bei Facebook, wo er mit informativen Infos rund um die Rinderhaltung nicht geizt.

Kühe grasen auf WeideKühe auf der Wiese. Es dominiert: die Farbe Grün. (Quelle: Amos Venema)
Luftaufnahme mit zwei großen Ställen und SilosModerner Bauernhof mit Rinderhaltung aus der Vogelperspektive. Es dominiert: die Farbe Grün. (Quelle: A. Venema)

Ein Video mit noch mehr Grün: Weidenabtrieb in Ostfriesland

Und ewig nervt der Profitanwurf!

Das Bild vom Bauern, der bei Sonnenaufgang eine Kuh mit der Hand melkt, ist einfach veraltet. Durch unseren massenhaften Konsum hat sich das so verändert. Bei Kuhmilch geht es primär um wirtschaftlichen Profit.

Sorry, wenn ich Illusionen raube, aber: Auch der romantisch verklärte Bauer hat seine Kühe des Profits wegen gemolken. Ich werde NIE verstehen, wie Menschen auf den Gedanken kommen, dass alle Berufstätigen Geld verdienen dürfen, bloß Landwirte nicht. Glaubt Ihr wirklich, Bauern haben jemals für ümme gearbeitet?

Demnachzufolge ist mein heute 84 Jahre alter Vater  in der „guten alten Zeit“ mit 14 Jahren jeden Morgen um 4 Uhr aufgestanden, um auf unserem Familienbetrieb für Luft und Liebe Knochenarbeit zu leisten?

Ganz ehrlich: hakt’s da draußen?

Ob unser Konsum massenhafter ist als früher, ist laut Mem des Bauernverbandes Schlewsig-Holsteins nicht eindeutig. Es gab deutliche mehr Höfe, auf denen wesentlich weniger Tiere standen. Fakt ist: Deutschland hat deutlich mehr Einwohner als früher, und davon arbeitet nur noch ein Bruchteil in der Landwirtschaft. Wie sollen die paar Männeken Milch für 80 Mio. Menschen melken, Ackerfrüchte ausbringen und ernten sowie unser Obst und Gemüse anpflanzen ohne große Maschinen? Per Handarbeit bekommen die wenigen Bauern das Land nicht satt.

Fakt ist ferner: Dieses Land hat kaum noch Bauern. Das bleibt nicht ohne Konsequenzen. Davon ganz abgesehen sind die Zeiten der Handarbeit vorbei. So wie Ihr Eure Texte nicht mehr an der Schreibmaschine schreibt oder jeden Morgen kilometerlange Wege per pedes zur Arbeit zurücklegt. Wie viele Münchner wohl gar mit dem SUV die fünf Kilometer zum Job fahren? Plus: Für die Tiere macht es keinen Unterschied, ob sie mit der Hand oder an der Maschine gemolken werden. Nur für den urbanisierten Verbraucher, der die Knochenarbeit nicht machen muss. Finde den Fehler.

Bullerbü ist heute!

Was veraltete Bilder betrifft: Ich stamme selber aus der Landwirtschaft und war ein neugieriges Kind. „Erzähl mal von frühers“, diesen Satz habe man sehr häufig von mir gehört, berichten meine Eltern. Daher weiß ich viel aus den „guten“ alten Zeiten, von den Menschen und ihrer Arbeit. So weiß ich aus erster Hand von den Großeltern und Großtanten, dass Romantik fehl am Platz zurück ist. Je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto schwieriger war die Arbeit.

Eine Großtante wäre in den 1930-er Jahren viel lieber in die Stadt gegangen, um eine Lehre als Bäckereifachverkäuferin zu machen. Weil sie unverheiratet war und jede HAND auf den Höfen gebraucht wurde – Pech gehabt. Mit 80 Jahren war sie deswegen noch traurig.

Aber es war sicher ein malerisches Bild, wenn sie morgens in der Herrgottsfrüh auszog, die Bullen zu hüten, vor denen sie eigentlich panische Angst hatte.

Anders herum ausgedrückt: Bullerbü ist heute! Dafür steht paradoxerweise das schwedische Smaland mit dem niedlichen Bullerbyn, das vielen als Synonym für eine heile Landwelt bzw. Landwirtschaft gilt. Bloß: Mitte des 19. bis in das 20. Jahrhundert hinein verlor die südschwedische Region fast die Hälfte ihrer Einwohner, zum großen Teil Bauern an die Emigration. Weil das Leben unerträglich hart war, weil man Steine nicht essen kann, weil die Kinder an Hunger starben.

Landwirtschaft vor 100 Jahren. Romantisch? Los, ran an die Kuh. Wir haben noch einen uralten Melkschemel zu Hause. Den verleihe ich gern.

Milchschemel mit Blaubeeren vor StallgebäudeExklusiver Melkschemelverleih. Für alle Fälle die Info: es ist dasTeilchen rechts (vermutlich wissen die meisten nicht, wie ein solches Sitzgerät ausschaut).

P.S. Ergonomisch ist der aber nicht. Den schmerzenden Rücken gibt es inklusve. Alles wie „frühers“!

Noch ein Lektüretipp: „Sag nein zur Milch?“

Um was es in dem verlinkten Beitrag geht? Klaus Alfs ist der Kragen geplatzt. Hier die einleitenden Worte zu einem infomativen Beitrag.

Es ist äußerst ermüdend, jahrein, jahraus dieselben aggressiv vorgetragenen falschen Behauptungen über Milch und Milchviehhaltung richtigzustellen. Da aber Milch müde Männer munter macht, erkläre ich eben nochmal, was es mit dem verpönten Sekret auf sich hat.

Enjoy!

Allgemein

OFFENER BRIEF an die SPD-Bundestagsfraktion zum Ausstieg aus der Ferkelkastration

Sehr geehrte Damen und Herren,

am vergangenen Freitag ist von der großen Koalition ein Gesetzentwurf für eine Fristverlängerung der betäubungslosen Ferkelkastration verabschiedet worden. Mit dieser Fristverlängerung würden zwei Jahre gewonnen werden, um endlich den Ausstieg umzusetzen.

Kurzfristiges Ziel – Fristverlängerung, aber keine Zeit vergeuden

In der jetzigen Situation benötigen wir diese Zeit. Wir sind eine Gruppe aktiver Ferkelerzeuger jeglicher Betriebsgröße aus ganz Deutschland. Wir fühlen uns sowohl von der Politik als auch von unseren Verbänden vollkommen im Stich gelassen. Wir fordern umsetzbare und zeitnahe Lösungen, so dass wir unsere Betriebe auch in Zukunft noch erfolgreich weiterführen können.

Isofluran hat bislang noch keine Zulassung, Azaperon ist zur Zeit nicht lieferbar und der Absatz von unkastrierten Tieren ist begrenzt. Allerdings sind zwei Jahre nicht viel Zeit – keine Zeit um sich nun weiter auszuruhen, auf neue Studienergebnisse zu hoffen und erst einmal abzuwarten. Das schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass wir in zwei Jahren genauso weit sind wie heute. Deshalb fordern wir von der Politik einen klaren Fahrplan für den Ausstieg, so dass dieser auch bis 2021 vollzogen ist.

Mittelfristiges Ziel – unter Betäubung kastrieren

In diesen zwei Jahren muss die Politik folgendes gewährleisten: Isofluran muss eine deutsche Zulassung bekommen. Neben der Zulassung des Wirkstoffes muss eine Prüfung der Geräte auf Funktionalität und Arbeitssicherheit erfolgen. Eine Art TÜV muss die zur Verfügung stehenden Geräte zertifizieren. Ein Erlass nach § 6 Abs. 6 Tierschutzgesetz muss auf den Weg gebracht werden, so dass der Landwirt die Erlaubnis bekommt, die Tiere ohne Anwesenheit des Tierarztes betäuben zu dürfen. Es müssen Personen (Tierärzte) geschult werden, die dann wiederum die Landwirte in Theorie und v.a. in der praktischen Anwendung der Geräte schulen. Es sollten Gelder (Fonds oder Rentenbank) zur Verfügung gestellt werden, so dass die Landwirte die Investition der Geräte stemmen können.

Langfristiges Ziel – Amputationsverbot

Das langfristige Ziel sollte ein europaweites Amputations-, in diesem Fall Kastrationsverbot sein. Mit der Ebermast und der Immunokastration besteht die Möglichkeit, die Tiere unversehrt zu lassen und komplett auf die Kastration zu verzichten. Wir Landwirte wollen das gerne umsetzen. Dazu benötigen wir allerdings eine europaweite Lösung, denn ein nationaler Alleingang schafft hier eine Wettbewerbsverzerrung. Wir deutschen Ferkelerzeuger werden aus dem Markt gedrängt und die Frage des Tierschutzes wird exportiert. Deswegen muss die Politik hier für die EU einen Ausstieg aus der Kastration formulieren. Zusätzlich müssen Politik und Handel den Weg für unkastrierte Tiere frei machen, so dass sowohl das Fleisch aus der Jungebermast als auch von immunokastrierten Tieren den Absatz im Handel finden. Wir brauchen daher eine Verbraucherinformationskampagne zur Aufklärung der Verbraucher über die Alternativen zur Ferkelkastration.

Bitte unterstützen Sie die deutschen Sauenhalter, damit wir einen gangbaren Weg für mehr Tierschutz finden und umsetzen können.

 

Mit freundlichen Grüßen

Heinrich Henke, Bruchhausen-Vilsen

Marcus Holtkötter, Altenberge

Familie Heinemann, Aerzen

Familie Timmermann, Ottenstein

Kim Gericke & Friedrich-Wilhelm Bisanz Gericke, Aerzen

Christian Röhlen, Erkelenz

Familie Weustermann

Christoph Westerkamp

Markus Steverding

Michael Volkening

Betrieb Roland Hecht

Stefan Ganslmeier

Andrea Feuerstein, Landwirtstocher, Ferkelerzeugerbetrieb

Heinfried & Alexander Koch, Diepholzer Bruch

Andreas Müller, Backnang

Weitere unterstützende Landwirte bzw. Landwirtsfamilien:

Familie Lucassen

Familie Brocker

Cord Meier, Schweinemäster aus Bückeburg

Anne-Christin Niggeloh

Bernhard Barkmann, Schweinemäster

Michael Wester, Schweinemäster

Markus Storck

Dr. Peter Veltmann, Tierarzt, Vechta

Nadine Henke, Tierärztin, Bruchhausen-Vilsen

offener Brief SPD Ferkelkastration

Allgemein

Ferkelkastration: Schmerzausschaltung vs. Schmerzminderung

Das Thema Ferkelkastration beschäftigt uns nun schon seit Jahren – jedoch je näher der 01.01.2019 rückt, desto hitziger werden die Diskussionen. Ich merke, dass sich immer mehr Menschen in diese Diskussion einbringen – das ist wichtig und richtig. Jedoch sehe ich auch, dass immer mehr Dinge durcheinander geraten. Deswegen möchte ich hier einmal ein paar Fakten zum Thema „Ferkelkastration“ zusammentragen.

Warum werden Ferkel überhaupt kastriert?

Eber produzieren männliche Geschlechtshormone und geschlechtsspezifische Ebergeruchsstoffe. Diese werden über das Blut in den ganzen Körper, auch in das Muskelfleisch, verteilt. Wird das Fleisch erhitzt, kann dies zu unangenehmen Geruchs- und Geschmacksveränderungen führen. Das Fleisch hat den typischen „Ebergeruch“. Viele Menschen empfinden diesen Geruch als unangenehm, so dass das Fleisch für diese Menschen ungenießbar wird.

Wie wird bislang kastriert?

Im Moment ist es noch erlaubt, die Ferkel innerhalb der ersten acht Lebenstag ohne Betäubung, d.h. bei vollem Bewusstsein, zu kastrieren. Die Branche hat 2008 die sogenannte „Düsseldorfer Erklärung“ verabschiedet. Das Ziel der Erklärung ist, unter Ausschluss jeglicher Risiken für die Verbraucher und die Tiere, auf die Kastration gänzlich verzichten zu können. Bis zum Erreichen dieses Ziels soll die Ferkelkastration in Verbindung mit einem schmerzstillenden Mittel durchgeführt werden. Dieses ist seit April 2009 für Betriebe, die durch QS zertifiziert sind, verpflichtend. Hier heißt es im Leitfaden Schwein:

Es müssen Schmerzmittel zur Linderung von postoperativen Schmerzen nach der Kastration von Saugferkeln eingesetzt werden.

Eine Gabe von Schmerzmitteln nach der Kastration ist natürlich besser als ohne, allerdings wäre es viel besser, diese schon 15-20 Minuten vor dem Eingriff zu verabreichen. Nur dazu später mehr.

Was soll sich nun ändern?

Damit soll nun Schluss sein: im Tierschutzgesetz ist eine Deadline für die betäubungslose Ferkelkastration gesetzt. Ab dem 01.01.2019 dürfen Ferkel nur noch unter Betäubung oder „lokaler Schmerzausschaltung“ kastriert werden:

An einem Wirbeltier darf ohne Betäubung ein mit Schmerzen verbundener Eingriff nicht vorgenommen werden. (…)  Dies gilt ferner nicht für einen Eingriff im Sinne des § 6 Absatz 1 Satz 2 Nummer 2a (die Kastration von männlichen Ferkeln unter 8 Tagen), soweit die Betäubung ohne Beeinträchtigung des Zustandes der Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit, ausgenommen die Schmerzempfindung, durch ein Tierarzneimittel erfolgt, das nach arzneimittelrechtlichen Vorschriften für die Schmerzausschaltung bei diesem Eingriff zugelassen ist.

Warum ist es überhaupt erlaubt, Ferkel ohne Betäubung zu kastrieren?

Das ist eine sehr gute Frage, denn die Ferkelkastration stellt im Tierschutzgesetz doch gleich bei zwei Paragraphen eine große Ausnahme dar: zunächst, dass sie ohne Betäubung durchgeführt werden darf (§5 Tierschutzgesetz). Und zweitens, dass sie überhaupt erfolgen darf – denn §6 Tierschutzgesetz besagt, dass das vollständige Entnehmen von Organen eines Wirbeltieres verboten ist. Warum nun die Betäubung bislang nicht erforderlich ist/war, kann ich nur vermuten: man ging lange Zeit davon aus, dass gerade junge Lebewesen, ein geringeres Schmerzempfinden haben als ältere. Gefunden habe ich dazu Folgendes vom Kollegen Ernst-Günther Hellwig, Fachtierarzt für Schweine und Agrarwissenschaftler, AVA:

Wir Tierärzte waren schon froh, als in den 80er Jahren das Kastrationsalter von 6 bis 8 Wochen auf bis höchstens 7 Tage Lebensalter gesenkt wurde. Damalige Versuche haben gezeigt, dass männliche Ferkel bis zum 3. Lebenstag kastriert, kaum Schmerzen leiden, innerhalb einer halben Stunde keinerlei Verhaltensauffälligkeiten in Sachen Schmerz, und im Vergleich zu den Kontrollgruppen, also den weiblichen Saugferkeln, keinerlei Leistungseinbußen zeigten. Natürlich hätte man damals schon Schmerzmittel geben können, dies war aber nirgendwo üblich.

Welche Schmerzen entstehen?

Bei einer Operation haben wir mit mehreren „Arten“ von Schmerzen zu tun. Auf der einen Seite sind da die sogenannten „nozizeptiven“ Schmerzen – das sind Schmerzen, die z.B. durch den Schnitt entstehen: es wird die Haut, Muskeln, Nerven und Gewebe durchtrennt, so dass es zu einem Gewebetrauma während der OP kommt, und das ist schmerzhaft. Auf der anderen Seite sind da die entzündlichen Wundschmerzen, ebenfalls durch das entstandene Gewebetrauma (s.o.), die nach dem Eingriff da sind. Die Crux ist nun, beide Schmerztypen erfolgreich zu „behandeln“.

Allgemeinanästhesie vs. lokale Schmerzausschaltung

Mit einer Allgemeinanästhesie ist eine Vollnarkose gemeint, d.h. die Tiere sind während des Eingriffs bewusstlos. Beim Schwein sind zwei Arten der Vollnarkose möglich: eine Injektionsnarkose oder eine Inhalationsnarkose, d.h. die Tiere bekommen eine Maske, über die sie ein Narkosegas einatmen. Über den Bewusstseinsverlust wird hier eine Schmerzausschaltung während des Eingriffs erreicht.

Lokalanästhetika sind Präparate, die eine Schmerzausschaltung machen können ohne über das Bewusstsein zu wirken = Lokalanästhesie = örtliche Betäubung. Es gibt unterschiedliche Methoden diese anzuwenden. Eine Methode ist die Infiltration, d.h. hier werden nur lokale Schmerzrezeptoren und kleine Hautnerven von der Empfindungsweiterleitung ausgeschaltet. Eine andere Möglichkeit ist eine Leitungsanästhesie. Darunter versteht man die gezielte Ausschaltung bestimmter Nerven bzw. Nervenäste durch Umspritzung mit Lokalanästhetika (z.B. eine rückenmarksnahe Injektion – viele von Euch werden als Beispiel eine „PDA“ kennen).

Schmerzausschaltung oder schmerzlindernd?

Das Tierschutzgesetz schreibt wie oben mehrfach erwähnt eine Schmerzausschaltung während des Eingriffs vor. Zusätzlich müssen vollkommen unabhängig von der Art der Betäubung zusätzlich Schmerzmittel gegen den postoperativen Wundschmerz verabreicht werden. Diese Schmerzmittel können den Wundschmerz nicht ausschalten aber lindern.

Warum findet nun eine Diskussion statt bezüglich des Wortes „Schmerzausschaltung“?

Eine Lokalanästhesie kann natürlich eine vollumfängliche Schmerzausschaltung machen. Dazu muss vor allem die Haut des Hodensackes und der Samenstrang betäubt werden. Hier gibt es jedoch aus Sicht der Wissenschaft noch mehrere Herausforderungen, die es zu meistern gilt:

  1. zeigen bislang die Untersuchungen, dass die Injektion des Lokalanästhetikums äußerst schmerzhaft ist – kurz gesagt, dass brennt aufgrund des pH-Wertes (in der Studie von Zöls et al. wird die Injektion sogar schmerzhafter als die Kastration ohne Betäubung bewertet), so dass auch hier die Frage nach dem Tierschutz gestellt werden muss
  2. ist es bei einem Tier extrem schwierig, zu kontrollieren, ob die Injektion „sitzt“ – wir können unseren Patienten nicht fragen, ob er noch etwas spürt
  3. führen die in bisherigen Studien untersuchten lokalanästhetischen Verfahren maximal zu einer Schmerzreduktion, jedoch nicht zu einer Schmerzausschaltung, so dass die Vorgaben des Tierschutzgesetzes hier nicht erfüllt werden

Gerade der dritte Punkt bringt nun die Diskussion auf das Wort „Schmerzausschaltung“ – muss es denn eine Schmerzfreiheit sein, oder reicht nicht auch eine Schmerzlinderung während des Eingriffes. Hier gehen die Diskussionen sehr auseinander.

Ich persönlich bin der Meinung, dass wir im Bereich Tierschutz keine Rückschritte machen sollten und lehne aus diesem Grund eine Veränderung sprich Verschlechterung des Tierschutzgesetzes hinsichtlich der „Schmerzausschaltung“ ab. Vielmehr sollten wir weiterhin schauen, ob wir mit einer Lokalanästhesie nicht doch noch die Vorgaben erfüllen können – gelingt uns das nicht, sollten wir dieses Verfahren für die Ferkelkastration ad acta legen.

Aber andere Länder haben auch schöne Ferkel…

In Dänemark, Schweden und Norwegen werden die Ferkel unter Lokalanästhesie kastriert, wahlweise mit dem in der EU zugelassenem Wirkstoff „Procain“, in Schweden mit dem in der EU NICHT zugelassenen Wirkstoff „Lidocain“. In Holland geht man derweil den Weg über eine CO²-Betäubung. All dies schafft eine Wettbewerbsverzerrung zu Lasten der deutschen Ferkelerzeuger im europäischen Markt. Daraus sollte nun nicht resultieren, dass unser hiesiges Tierschutzgesetz verändert wird, so dass diese nicht tierschutzkonformen Praktiken legalisiert werden. Es ist doch eher die Frage, ob nicht die Tierschutzkonformität und auch die Anwendung in der EU nicht zulässiger Arzneimittel in diesem Rahmen in den oben genannten Ländern einmal zu prüfen seien.

Langfristige Lösungen

Kurzfristig muss zur Rettung der deutschen Ferkelerzeugung eine Fristverlängerung kommen. Natürlich besteht theoretisch die Möglichkeit, alle Tiere als Eber zu mästen und zu vermarkten. Dafür steht uns einerseits die Jungebermast zu Verfügung, andererseits die Immunokastration. Nur diese Tiere haben leider keinen Absatz. Bei der Kastration unter Betäubung ergeben sich gerade drei Probleme:

  1. haben wir einen Tierärztevorbehalt, so dass ein Tierarzt die Betäubung durchführen muss – das können unsere Schweinetierärzte schlichtweg nicht leisten.
  2. gibt es für die Injektionsnarkose zur Zeit kein Azaperon – die Injektionsnarkose ist eine Mischspritze aus zwei Präparaten, wovon eins zur Zeit nicht erhältlich ist.
  3. ist Isofluran immer noch nicht zugelassen – die Inhalationsnarkose ist neben der Injektionsnarkose die zweite Möglichkeit der Vollnarkose, jedoch ist das Präparat immer noch nicht in Deutschland zugelassen.

Aus diesen Gründen brauchen wir diese Fristverlängerung.

Mittelfristig werden wir die Tiere, die kastriert werden müssen, unter Betäubung kastrieren. Dazu benötigen wir einen Erlass nach §6 Abs. 6 Tierschutzgesetz, so dass die Landwirte nach erfolgreicher Schulung die Betäubung selber durchführen dürfen.

Langfristig jedoch sollten wir daraufhin arbeiten, dass wir komplett aus der Kastration aussteigen. Dieses muss jedoch in europaweit durchgesetzt werden. Und das können die Landwirte nicht leisten. Hier sind die Politik, der Handel und letztendlich jeder gefragt, der Schweinefleisch konsumiert.  Denn machen wir uns nichts vor, nur ein unversehrtes Ferkel hat definitiv keine Schmerzen bei der Kastration.

Ihr habt Fragen zum Thema? Scheut Euch nicht, sie uns zu stellen!

Ferkelkastration, Landwirtschaft, Markt, Politik, Schweinehaltung

Offener Brief an QS zum Thema Ferkelkastration

Sehr geehrter Herr Dr. Nienhoff,

seit der Düsseldorfer Erklärung verfolgen wir die Debatte um das Thema der betäubungslosen Ferkelkastration. Nun ist es Herbst 2018, der Ausstieg steht zum 01.01.2019 bevor, und es sind immer noch keine flächendeckenden Lösungen gefunden. Die Bundesländer lehnten im Bundesrat eine Fristverlängerung ab, das hat die Branche geschockt. Nun arbeitet die Bundesregierung an einem Gesetzesentwurf, der eventuell noch eine Verlängerung der Frist bringen könnte.

Am 13.03.2017 hat der Fachbeirat Rind und Schwein richtig erkannt, dass es zu einer Wettbewerbsverzerrung kommen wird, wenn im Ausland nach niedrigeren Tierschutzstandards kastriert werden kann und dann die Tiere bzw. das Fleisch nach Deutschland importiert und mit QS-Siegel verkauft werden dürfen. In Ihrer Pressemitteilung heißt es dazu korrekterweise:

Um einer zu erwartenden Wettbewerbsverzerrung entgegen zu wirken, hat der QS-Fachbeirat Rind und Schwein die QS-Anforderungen schon jetzt klargestellt. Demnach gelten ab dem 1. Januar 2019 für alle QS-Teilnehmer – im In- und Ausland – die Vorgaben des deutschen Tierschutzgesetzes zur betäubungslosen Ferkelkastration.

Besonders wichtig ist, dass diese Vorgaben auch für Tiere und Fleisch gelten, die aus dem Ausland über die Anerkennung anderer Standards in das QS-System geliefert und vermarktet werden. Darüber hinaus geht es nicht allein um die Tiere, sondern auch um Mastschweine und Schweinefleisch, das von Ferkeln stammt, die chirurgisch kastriert sind. Der Beschluss hat also sowohl Gültigkeit für die Landwirtschaft als auch für alle nachgelagerten Produktions- und Vermarktungsstufen.

 

Auch in der Pressemitteilung zum Positionspapier vom 19.04.2018 heißt es noch:

Die gesetzlichen Voraussetzungen für die eingesetzten Methoden werden sich in den Herkunftsländern auch zukünftig unterscheiden. QS wird allerdings Alternativverfahren nur akzeptieren, die der Vorgabe Betäubung oder Schmerzausschaltung gerecht werden. Für Lieferanten ins QS-System wird der Grundsatz der Gleichbehandlung gelten, erläutert Nienhoff. Das heißt: Auch Sauenhalter im Ausland, die ihre Tiere an Schweinemäster im QS-System liefern, müssen ab 2019 die Anforderungen des deutschen Tierschutzgesetzes erfüllen. Außerdem dürfen im QS-System Schweinefleisch und Schlachtschweine auch aus dem Ausland nur dann vermarktet werden, wenn auch die Ferkel, die ab 2019 geboren werden und chirurgisch kastriert werden, nach den Anforderungen des deutschen Tierschutzgesetzes behandelt wurden.

Entsetzt hat uns diesbezüglich die Kehrtwende von QS hinsichtlich des Imports von Ferkeln, die mittels CO²-Narkose bzw. Lokalanästhesie kastriert wurden. Bei agrarheute heißt es dazu am 17.07.2018:

QS könne nicht die nationalen Unterschiede in den Verfahren ausgleichen und deshalb auch nicht ein Verfahren, das im Ausland zugelassen sei, aber in Deutschland nicht, ausschließen. Die Verfahren, die im Ausland rechtlich zugelassen sind, dürfen bei Tieren, die in das QS-System eingeführt werden, auch angewandt werden.

QS könne nicht geradebiegen, was die Politik vermasselt habe. Abgesehen davon würden wohl viele deutsche Mäster protestieren, wenn plötzlich keine Ferkel mehr aus Dänemark oder Niederlande nach Deutschland importiert werden dürften.

 

Wir stellen uns nun die Frage, wann und vor allem aus welchem Grund QS hier die klare Haltung in den vorherigen Pressemitteilungen aufgegeben hat?

 

Über eine Antwort würden wir uns sehr freuen.

 

Mit freundlichen Grüßen

Nadine & Heinrich Henke
Brokser Sauen

Allgemein, Ferkelkastration, Landwirtschaft, Schweinehaltung

Kastrieren unter lokaler Betäubung – (wie) geht das?

„Männliche Ferkel kastrieren mit Betäubung“, so titelte „Unser Land“ am 12.10.2018 um 19.00 Uhr im BR.

In der Mediathek heißt es dazu weiter:

Ferkel kastrieren ohne Schmerzausschaltung ist ab 1. Januar 2019 verboten. Was dann? Die Mehrheit der Bauern plädiert für den sogenannten 4. Weg: eine lokale Betäubung mit dem Anästhetikum Procain. Das Problem: Procain ist für den Einsatz bei Tieren, die für den menschlichen Verzehr bestimmt sind, noch nicht zugelassen. Außerdem ist fraglich, ob damit wirklich eine Schmerzausschaltung garantiert ist.

Tatsächlich hat der Wirkstoff „Procain“ schon lange eine Zulassung und ist zur Zeit das einzige zugelassene Lokalanästhetikum für lebensmittelliefernde Tiere. Das Präparat „Isocain“ ist bereits seit dem 08.10.2008 für Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und Pferde zugelassen.

Nun aber zum Film an sich:

Herr Dr. Randt vom Tiergesundheitsdienst Bayern (TGD) propagiert die Lokalanästhesie als seit Jahrzehnten bewährte Methode, sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin. Recht hat er, die Lokalanästhesie ist eine gute und bewährte Methode für viele kleinere und größere Eingriffe. Nur ob die Kastration von männlichen Ferkeln auch dazuzählt, mag ich hier bislang nicht eindeutig mit „ja“ beantworten.

Umsetzbarkeit im Betrieb

Ich halte die Umsetzbarkeit im Betrieb für sehr schwierig bis nicht erfüllbar, und das möchte ich Euch anhand des Filmes verdeutlichen – deshalb schaut Euch doch bitte zuerst den Film an:

„Männlicher Ferkel – kastrieren mit Betäubung“

Dr. Lisa Louis (wir haben übrigens in Hannover zusammen studiert) möchte in einem „Praxistest“ die vermeintliche Wirksamkeit der Lokalanästhesie unter Praxisbedingungen zeigen. Bereits die Injektionstechnik verwundert allerdings. Das Präparat darf nicht in die Blutbahn, da es sonst zu Herzrhythmusstörungen bis hin zu Kammerflimmern kommen kann. Deswegen wird in der Packungsbeilage darauf hingewiesen, dass eine korrekte Platzierung der Kanüle durch Aspirieren (kurzes Aufziehen der Spritze nach dem Einstechen und gucken, ob Blut kommt) sicher zu stellen ist. Wie in dem Video zu sehen ist, verabreicht die Tierärztin das Präparat mit einer Multidosierspritze mit aufgesetzter Arzneiflasche. Mit dieser Injektionstechnik ist es allerdings unmöglich, die korrekte Platzierung der Kanüle zu überprüfen.

Bei der Dosierung wird beim rechten Hoden 1,5 Mal abgedrückt, beim linken Hoden zweimal. Wie die Dosierung insgesamt ist – 1,5-2 ml, weiß man nicht. In der Packungsbeilage vom Isocain ist zu lesen, dass eine Überdosierung zu vermeiden ist:

Da Überdosierungen und intravasale Injektionen mit einem hohen Risiko für zentrale und kardiale Effekte (konzentrationsabhängig zentrale Erregung bzw. Depression, Herzrhythmusstörungen, Kammerflimmern) verbunden sind, ist auf genaue Dosierung und sorgfältige Injektionstechnik zu achten.

Obendrein läuft ein großer Teil der Injektion sofort wieder heraus – von einer präzisen Dosierung kann hier keine Rede sein. Der Produktinformation des Herstellers zu Isocain ist jedoch zu entnehmen:

Die Gesamtdosis soll 5 mg Procainhydrochlorid pro kg Körpergewicht (6 µg Epinephrin pro kg) entsprechend 2,5 ml Isocain ad us. vet. pro 10 kg Körpergewicht nicht überschreiten.

Demnach dürfte ein 1 kg schweres Ferkel nur insgesamt 0,25 ml Isocain erhalten – das wären dann 0,125 ml je Injektionsstelle. Wieviel Procain insgesamt verabreicht wurde, lässt sich in dem Film ja nur erahnen – ich würde jedoch mal ganz frech behaupten, dass die Dosierung nicht so genau genommen wurde.

Ferkel zeigen ein Schmerzgesicht

Zur Injektion erklärt dann die Tierärztin, dass grundsätzlich jede Injektion schmerzhaft ist. Dem ist auch definitiv so – jedoch gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass genau diese Injektion mit Procain schmerzhafter ist, als die Kastration ohne Betäubung. Weiterhin heißt es, dass die Ferkel immer schreien – „Schreien ist Normalverhalten vom Schwein“ – hm, das sehe ich etwas anders. Unsere Ferkel schreien in der Regel nicht. Sie schreien jedoch, wenn sie Stress haben. Wenn sie Schmerzen haben, schreien Ferkel allerdings eher nicht bzw. weniger. Sie schreien nicht, weil sie dadurch Fressfeinde anlocken würden. Die Vokalisation der Tiere zur Beurteilung von Schmerzen heranzuziehen, ist schon etwas fragwürdig. Deshalb ist die Konsequenz – das Ferkel schreit bei der Injektion/der Kastration nicht mehr als vorher, es spürt also keine Schmerzen – nicht haltbar. Schweine – besonders Ferkel zeigen stattdessen ein sogenanntes „Schmerzgesicht“.

Bildquelle: Development of a Piglet Grimace Scale to Evaluate Piglet Pain Using Facial Expressions Following Castration and Tail Docking: A Pilot Study.

 

Betäubung sitzt? Trial and error!

Nach einer Wartezeit von 45 min werden die Ferkel erneut eingefangen, bekommen ein Schmerzmittel und werden dann mit einer Zange kastriert. Dazu werden sie zwischen den Beinen des Landwirts fixiert – er kann das Gesicht (s.o. Schmerzgesicht) nicht sehen. Es erfolgt vorher keinerlei Kontrolle hinsichtlich des Erfolgs der Betäubung – es ist ein „trial and error“. Die Ferkel werden kastriert – anhand der „nicht Abwehrbewegungen“ des vollkommen fixierten (!) Ferkels geht man davon aus, dass die Betäubung sitzt. Dass der Landwirt beim kneifen/schneiden ebenfalls die Hinterbeine fixiert, scheint hier ebenfalls keine Rolle zu spielen. Wie soll das Ferkel in der Position überhaupt strampeln bzw. Abwehrbewegungen zeigen? Bei einem anderen Tier, wo er nur ein Bein fixiert, sind durchaus Abwehrbewegungen zu erkennen.

Hinterher kann ebenfalls sehen, dass die Ferkel Schmerzen spüren – bei 5:08 min ist ein Ferkel zu sehen, das mit dem Schwanz wackelnd und mit dem Hinterbein schlagend durch das Bild läuft. Wenn es keine Schmerzen verspüren würde, würde es nicht diese Abwehrbewegungen machen.

Für mich bleibt die Eingangsfrage – ist der sogenannte vierte Weg eine richtige und gute Methode für die Ferkelkastration? Hierzu meint Professor Dr. Thomas Richter von der TVT (Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz):

Nein, der vierte Weg ist nicht die Lösung, weil das in der Realität unter Praxisbedingungen nicht tierschutzkonform machbar ist. Man muss, wenn man das richtig machen will, die Haut des Hodensacks betäuben – mit einer Injektion. Man muss dann zweitens den Samenstrang, also die Blutgefäße und die Nerven, die aus der Bauchhöhle in den Hodensack ziehen, nochmal betäuben. Das sind vier Injektionen pro Ferkel. So ein kleines Ferkel, das zappelt, das ist ganz schwierig, das wirklich richtig zu treffen. Und wenn man einen durchschnittlichen Betrieb sich anschaut, dann muss der alle drei Wochen an einem Nachmittag 300 Ferkel kastrieren, dass heißt das ist eine Arbeit im Akkord. Das geht sehr, sehr schnell. Und in dieser Zeit – unter den Praxisbedingungen – ist es nicht möglich, ist es nicht vorstellbar, dass die Ferkel alle ordnungsgemäß betäubt sind.

Quelle: Interview mit Prof. Dr. Richter in Unser Land vom 12.10.2018 (ab 13:14 min)

weiterführende Links:

Pain behaviour after castration of piglets; effect of pain relief with lidocaine and/or meloxicam

Untersuchungen zur Wirksamkeit und Gewebeverträglichkeit von Lokalanästhetika bei der Kastration männlicher Saugferkel

Möglichkeiten der Schmerzreduzierung bei der Kastration männlicher Saugferkel

 

 

Allgemein, Landwirtschaft, Schweinehaltung

Tierschutz auf dänisch

Wenn QS, die Politik oder irgendjemand sonst noch einen Beweis dafür braucht, wie ernst den Dänen der Tierschutz ist – hier ist er:

Hintergrund

Ab dem 01.01.2019 ist die betäubungslose Kastration von Saugferkeln verboten. Das deutsche Tierschutzgesetz fordert eine „Schmerzausschaltung“ bei der Kastration. Untersuchungen zeigen, dass eine Lokalanästhesie dieses nicht erreicht. Deshalb ist in Deutschland im Moment diese Art der Betäubung nicht zulässig. In Dänemark sieht das jedoch anders aus.

In Dänemark ist zur Zeit eine Schmerzmittelgabe vorgeschrieben. In Dänemark darf der Landwirt bereits jetzt unter lokaler Betäubung kastrieren. Ab dem 1.1.2019 ist es verpflichtend vorgeschrieben.

Warum interessieren uns die Dänen?

Deutschland importiert etwa 12 Millionen Ferkel pro Jahr – über die Hälfte kommt aus Dänemark.

Auch wenn sie nicht nach deutschem Recht kastriert sind, erhalten diese Tiere bzw. das Fleisch dieser Tiere in Deutschland ein Siegel für Qualität und Sicherheit.

QS = Qualität und Sicherheit?

Alle Partner haben sich vertraglich verpflichtet, nach klar definierten Kriterien sichere Lebensmittel zu erzeugen…

Da stellt sich für mich die Frage, wie diese Kriterien denn nun konkret aussehen. Deshalb habe ich noch weiter bei QS nach einer Antwort gesucht…

Hier heißt es „Leitfaden Landwirtschaft Schweinehaltung“:

Auch in einer Pressemitteilung vom 26.09.2018 heißt es seitens QS:

Die Anforderung im QS-Leitfaden, dass die Ferkelkastration grundsätzlich nur mit Schmerzausschaltung oder Betäubung (also entsprechend den Vorgaben des Tierschutzgesetzes) erfolgen darf, bleibt jedoch bestehen. Damit ist auch klar, dass für Ferkel, Mastschweine und Fleischwaren, die aus dem Ausland ins QS-System geliefert werden, vergleichbare Verfahren verlangt werden.

Dann ist doch eigentlich alles gut – nur was stört mich mein Geschwätz von gestern?

Das wäre es, wenn QS konsequent wäre – nur genau das ist QS leider nicht. QS sieht nämlich keinen Grund, dänische Ferkel aus dem System auszuschließen. Bei agrarheute heißt es dazu:

QS könne nicht die nationalen Unterschiede in den Verfahren ausgleichen und deshalb auch nicht ein Verfahren, das im Ausland zugelassen sei, aber in Deutschland nicht, ausschließen. Die Verfahren, die im Ausland rechtlich zugelassen sind, dürfen bei Tieren, die in das QS-System eingeführt werden, auch angewandt werden.

Fazit

Es ist natürlich einfach, auf die Politik zu schimpfen. Nur sind wir doch mal ehrlich, der Ausstieg ist seit Jahren beschlossen. Natürlich können und wollen wir die Politik nicht aus der Verantwortung entlassen, nur hier versagen unsere Verbände auf ganzer Linie. Denn letztlich sind es der deutsche Bauernverband und der deutsche Raiffeisenverband, die neben der Fleischwirtschaft und dem Handel Gesellschafter von QS sind und es somit zulassen, dass die Dänen uns am Nasenring durch die Arena ziehen.

Landwirtschaft, Markt, Politik, Schweinehaltung

Lidl’n lohnt sich

Thomas Wengenroth hat einen sehr schönen Artikel bei Stallbesuch geschrieben, den ich hier freundlicherweise ebenfalls veröffentlichen darf – vielen Dank dafür!

Lidl’n lohnt sich – über Tierwohl, das Ende der betäubungslosen Ferkelkastration, die Zukunft der Schweine-/Sauenhaltung und Deutschland und überall anders in Europa/auf der Welt:

Das Ende der betäubungslosen Ferkelkastration kommt. Ob früher oder doch noch etwas später, ist eigentlich  egal. Beschlossen ist das Ende auf jeden Fall und dass innerhalb der nächsten ein, zwei Jahre eine Methode entwickelt wird, die a) Tierhalter anwenden können und b) der Forderung nach „Schmerzausschaltung“ genügt, ist eher fraglich. Bedenkt man den Anästhesie-Aufwand bei Kleintieroperationen, wird dies deutlich.

Ein Unternehmer aber fragt sich ja immer: wie lässt sich die Geschichte ins Positive drehen?

Verändern sich die Anforderungen des Marktes, kann der Einzelne reagieren, mit Direktvermarktung z. B., wenn Regionalität gefordert wird. ei der Ferkelkastration allerdings ist die gesamte Branche gefordert, wenn massenhafter Ausstieg nicht Realität werden soll. Benjamin Steeb, Geschäftsführer der Lidl Stiftung, hat auf dem Veredelungstag kürzlich den Lösungsweg beschrieben: „deutsche Produkte mit Mehrwerten ausstatten“.

Für den Verbraucher müssen Vorteile erkennbar sein, wenn er Schweinefleisch aus deutscher Produktion kaufen soll. Die schmerzlose Kastration männlicher Ferkel kann, als Tierschutz-Maßnahme, ein solches Plus gegenüber Importware sein. Genau wie die Initiative Tierwohl (ITW).

Lidl sieht für sein Fleischangebot zukünftig vier Stufen: 1 – gesetzlicher Standard, 2 – ITW, 3 – das hauseigene Label-Programm und 4 – Bio. Mittelfristig soll jedoch die zweite Stufe Standard werden und die ITW zur zentralen Platt- form. Bemerkenswert ist hierbei, dass ja bereits die erste Stufe „gesetzlicher Standard“ automatisch auch bedeuten muss „schmerzfrei kastriert“. Denn nur vom deutschen Gesetz kann hier ja wohl die Rede sein.

Daraus ergibt sich zweierlei: jeder Erzeuger muss ins Programm der Initiative Tierwohl aufgenommen werden, wenn er die entsprechenden Bedingungen erfüllt und die Zahlungen des Lebensmitteleinzelhandels müssen entsprechend erhöht werden. Wenn nun auch noch QS die schonende Ferkelkastration in den Kriterienkatalog aufnähme, wäre jedem  Verbraucher vermittelbar, dass er beim Kauf von deutschem Schweinefleisch aktiv etwas für den Tierschutz tut.

Auf diesem Weg wären dann auch die nächsten Herausforderungen „Kastenstand“ und “Kupierverzicht“ zu stemmen. Kostenführerschaft werden wir in Deutschland kaum je erreichen. Aber Tierschutz kann sich die Branche auf die Fahne schreiben und sie zum Qualitätsmerkmal für deutsches Fleisch machen.

Quelle: Stallbesuch: Lidl’n lohnt sich