Allgemein, Landwirtschaft, Schweinehaltung

Willkommen auf unserer Seite – wir sind die Brokser Sauen

blog11Wir sind Familie Henke: Heinrich & Nadine, Theis, Nienke und Tjorven. Wir sind eine absolut schweineverrückte Familie. Kommt mit – wir laden Euch ein – seid virtueller Gast in unserem Betrieb.
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Allgemein, Landwirtschaft, Politik, Schweinehaltung

Hormone im Fleisch? Vollkommen normal.

Es gibt noch eine Alternative zur Kastration: Hormone zu spritzen, damit die Geschlechtsreife des Ebers hinausgezögert wird bis das Tier zum Schlachter kommt, also bevor es durch die Geschlechtsreife anfängt, unangenehm zu riechen, was den Fleischgenuss zerstört. Aber wollen wir hormonbehandeltes Fleisch?

So wird der Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes Werner Schwarz von der Rheinischen Post zitiert. Ja, der Termin zum Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration rückt näher, und der Ton verschärft sich.

Facts not fear – hier die Fakten:

  • Improvac® besitzt keinerlei hormonelle Wirkung.

  • Improvac® hinterlässt im Fleisch keinerlei Rückstände.

  • Fleisch enthält natürlicherweise immer Hormone.

Bedauerlich, dass hier Werner Schwarz stellvertretend für den Deutschen Bauernverband nicht mit Fakten argumentieren kann, sondern versucht mit der Verbreitung von Angst zu punkten.

„Hormone spritzen“ – es geht um Improvac, sprich um eine immunologische Kastration.

Was bedeutet „Immunokastration“?

Bei der Immunokastration wird den Tieren zweimal eine Art Impfstoff (Improvac®) gespritzt. Improvac® ist pharmakologisch gesehen kein richtiger Impfstoff, sondern ein „immunologisches Präparat“. Dieses Präparat wirkt jedoch wie ein Impfstoff.

Improvac® ist kein Hormon

Improvac® enthält ein synthetisches Analogon eines natürlichen Hormons (GnRF). Dieses Analogon ist an ein Trägerprotein gebunden und bildet mit diesem zusammen das Antigen. Dieses Antigen stimuliert die Bildung von GnRF-neutralisierenden Antikörpern. So werden letztlich die Hormone, die für den unangenehmen Geruch/Geschmack bei Eberfleisch verantwortlich sind, nicht gebildet.

Quelle: DLG e.V. – Eberfleisch Teil 1 – Basiswissen

Tierschützer und NGO’s sehen diesen Weg neben der Ebermast als den Königsweg an. Und auch die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (kurz TVT) fordert die Immunokastration, weil die Schweine dabei unversehrt bleiben. Nur der Deutsche Bauernverband lehnt die vermutlich tierschonenste Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration ab.

Weltweit sind immunokastrierte Tiere seit Jahren im Handel. In Belgien, Australien oder Südamerika wird bereits in relevanten Größenordnungen geimpft. Brasilien und Australien exportieren erfolgreich immunokastrierte Tiere, auch beispielsweise nach China.

In Deutschland liegt ebenso seit Jahren Fleisch von immunokastrierten Tieren in den Kühltheken – denn Belgien ist der Vorreiter der Immunokastration und exportiert einen großen Teil seines Fleisches an uns.

Fleisch enthält immer Hormone – auch beim Menschen

Hormone sind natürliche Botenstoffe und sowohl in unserem Körper als auch in nahezu allen Nahrungsmitteln vorhanden. Eine Quelle für hormonell wirksame Substanzen stellen zum Beispiel Schimmelpilze (Zearalenon) dar, die von bestimmten Pilzen gebildet werden und Getreidearten wie Mais, Weizen und Gerste befallen können. Der Einsatz von Hormonen als Wachstumsförderer in der Tiermast ist seit 1988 EU-weit verboten.

Mein Fazit

Veränderungen scheinen vom Bauernverband nicht gewollt. Seit Jahren wird der Termin zum Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration nun ausgesessen. Kurz gesagt – es werden alle möglichen Lösungen negiert:

  1. Ebermast ist nicht flächendeckend umsetzbar
  2. Kastration unter Betäubung ist finanziell nicht darstellbar
  3. Immunokastration lehnt der Verbraucher ab aus Angst vor „Hormonfleisch“

Auch QS beweist angeblich in einer Studie, dass die Immunokastration das größte Skandalpotential hat. Und jetzt, fünf Monate vor Ablauf der Frist, bleibt dieser vorhergesagte mediale Skandal einfach aus – und noch schlimmer – Tierschutzvereine, einige Bioverbände und NGO’s sprechen sich für die Immunokastration aus. Und auch eher kritische Medien wie der Spiegel berichten positiv über die Immunokastration.

So, was bleibt – man inszeniert den Skandal einfach selber und zerstört damit vorsätzlich eine der besten (weil tierschonenste) Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration – um auf eine Alternative zu setzen, die es bislang schlichtweg nicht gibt.

Ich bin maßlos enttäuscht. Ich wünsche mir einen Verband, der nach vorne blickt, der die Zukunft gestalten möchte, der offen ist und auch bereit für Veränderungen. Letztlich disqualifiziert sich der Bauernverband hier als Gesprächspartner in Sachen betäubungsloser Ferkelkastration – und das finde ich wirklich traurig.

Weitere Informationen:

Zulassung Improvac

BfR – Fragen und Antworten zum Thema Hormone in Fleisch und Milch

Allgemein, Ernährung, Landwirtschaft, Markt

Hilfe – Kontamination im Gemüseregal

Wenn im Gemüseregal die Bio-Gurke mit der konventionellen Gurke kuschelt, sollte sie sich (ver-)hüten – Verpackungen schützen!

Bei Twitter kam gestern die Frage auf, warum gerade Bioprodukte in einer Schutzfolie verpackt sind. Die Antwort von REWE Supermarkt toppt dabei alles:

Dazu vielleicht einfach nur mal zwei kleine Definitionen:

Was heißt Kontamination?

Eine „Kontamination“ ist eine Verunreinigung. Kontaminierte Lebensmittel sind Produkte, die unerwünschte (die menschliche Gesundheit gefährdende) Keime tragen.

Was ist dann eine Kreuzkontamiation?

Unter einer „Kreuzkontamination“ versteht man eine direkte oder indirekte Übertragung von Keimen von einem verunreinigten auf ein sauberes Lebensmittel.

In Bezug auf Lebensmittelhygiene und Lebensmittelsicherheit wird darunter eine versehentliche Übertragung unerwünschter Mikroorganismen verstanden.

Wir halten also fest, dass REWE Supermarkt der Meinung ist, dass konventionelle Produkte verunreinigte Keime sind, die die menschliche Gesundheit gefährden, und deswegen die sauberen Biolebensmittel mittels einer Verpackung vor diesem Dreck zu schützen sind.

Ich meine, jetzt mal ehrlich, es könnte eine Genkontamination stattfinden. Das wäre ja furchtbar. Und niemand kann dabei abschätzen, wie schwer die gesundheitlichen Folgen später sind. Deswegen Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste 👆🏻

Okay, Spaß beiseite: die Anbauart ist natürlich weder eine Keimart noch gibt es hier irgendwelche Kreuzkontaminationen. Unsere Lebensmittel sind sicher. Das ist einfach nur ein schlechter Versuch, Verpackungsmüll von Biolebensmitteln auf Kosten der konventionellen Produktion schön zureden. Mich ärgert so ein Quatsch maßlos, denn die Biobranche und auch der Lebensmitteleinzelhandel sind offensichtlich nicht in der Lage, die Bioprodukte durch positives Marketing an die Verbraucher zu bekommen. Es scheint nur durch Bashing der Produkte der konventionell wirtschaftenden Kollegen zu gehen – und das ist nicht nur traurig, sondern echt armselig.

Hey REWE,

vielen Dank, ich denke, der Postillon hätte es nicht besser formulieren können.

Und Euch allen sei geraten – bitte vergesst beim nächsten Einkauf Euren Aluhut nicht, vor allem wenn Ihr zum REWE Markt Eures Vertrauens geht. 🤦🏼‍♀️

Allgemein, Landwirtschaft, Politik, Schweinehaltung

Mit Volldampf voraus – die Wand wartet schon

Mit Volldampf voraus – die Wand wartet schon

titelt heute Thomas Wengenroth bei Stallbesuch
Mit Volldampf voraus – die Wand wartet schon

Wer alternativlos die Einführung des 4. Weges in der Ferkelkastration und, seit Neuestem, eine Fristverlängerung für die betäubungslose Kastration um fünf Jahre fordert, bewegt sich mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung Wand.

Unabhängig forschende Tierärzte sprechen sich gegen den 4. Weg aus, die TVT z. B. schreibt „Injektionen mit der nötigen Genauigkeit tierschonend und wirksam in praxisrelevanter Zeit durchzuführen ist unmöglich.“ Auch die korrekte Dosierung von Betäubungs- und Schmerzmitteln bei fünf Tage alten Ferkeln, stellt – selbst für Tierärzte – eine Herausforderung dar.

Der Deutsche Tierschutzbund bezieht klar Stellung gegen die Methode und ein gemeinsames Positionspapier von Albert Schweitzer Stufung, Vier Pfoten, ProVieh, bmt und Bundesverband Tierschutz listet für diese Variante ausschließlich Nachteile auf (für alle anderen werden dagegen auch Vorteile benannt).

Was also ab dem 1. Januar 2019 passiert, muss jedem heute schon klar sein: Wird der 4. Weg politisch durchgedrückt, bricht ein Shitstorm los. Wird die Frist um fünf Jahre verlängert, passiert genau das Gleiche. Die entsprechenden Presse-Verlautbarungen sind ja fertig und das Datum ist schnell geändert.

Fünf Jahre „Vorwarnzeit“ blieben ungenutzt. Kreative Konzepte wurden nicht mal angedacht, von Anfang an gab es nur stures Beharren, auf einer einzigen Forderung. Das macht nicht gerade Hoffnung für die Zukunft.

Bis vor kurzem war weiten Teilen der Bevölkerung nicht bewusst, dass Eber routinemäßig kastriert werden. Das hat sich geändert. Deswegen sollte sich auch niemand wundern, wenn die nächsten Themen ruck-zuck zu einem einzigen Paket verschnürt werden. Dann gibt es fünf Jahre Frist für Ringelschwanz und Kastenstand. Und im Ergebnis gar keine Schweinehaltung mehr in Deutschland.

PS: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und vielleicht werden ja die nächsten fünf Jahre besser genutzt. Etwa dafür QS die Hölle heiß zu machen, wenn sie ohne weiteres Ferkel akzeptieren, die im Ausland auf eine Weise kastriert wurden, die in Deutschland verboten ist. Oder dafür “4 x D” bekannt zu machen, damit Verbraucher für Tierschutz-Standards hierzulande sensibilisiert werden.

Vielen Dank, lieber Thomas, für diese nüchterne Betrachtung.

 

Allgemein, Landwirtschaft

Der allwissende Journalist – ein Phänomen der modernen Landwirtschaft

Es ist schon beeindruckend, was wir tagtäglich so zu lesen bekommen. Gerade in den Sommermonaten – in der nachrichtenarmen Zeit. Kein Fußball, keine Olympischen Spiele, Sommerpause in den Sport-Ligen und in den politischen Institutionen. Es ist die Zeit des Sommerlochs.

Kurz gesagt – nichts los

Viele Menschen befinden sich im Urlaub – keine politisch relevante Ereignisse, der Sportverein macht Pause – keine bedeutsamen Spiele, keine Wettkämpfe.

In dieser nachrichtenarmen Zeit berichten die Medien dann auch gerne mal über Ereignisse und Personen, für die sonst keine Sendezeit und kein Platz wäre – wie z.B. über die Landwirtschaft.

Dürre in Deutschland

Es ist trocken in Deutschland. Auf den Feldern aber auch im heimischen Garten vertrocknet alles. Die Ernte fällt schlecht aus, die Pommes werden teurer, die Bauern fordern staatliche Hilfen.

Ob es nun so glücklich ist, dass der Deutsche Bauernverband Milliardenhilfe für die Ernteeinbußen aufgrund der anhaltenden Dürre fordert, sei einmal dahingestellt.

Experten aus den Medien

Herzlich bedanken möchten wir uns an dieser Stelle bei den selbsternannten Land- und Wirtschaftsexperten aus den Medien. Sie tragen doch sehr zur Erheiterung des sachverständigen Lesers bei. Hin und wieder sind ihre Artikel zwar blutdruckerhöhend, leider jedoch nur selten fachlich fundiert, geschweige denn in irgendeiner Art und Weise nützlich.

Quelle: Facebook Heute Show

Diese selbsternannten Experten erinnern mich irgendwie immer wieder an die Zeugen Jehovas – scheiß egal, wie schlecht die Message auch ist, sie wird ständig wiederholt.

Die Frage, die wir uns immer wieder stellen

Sicher wird es vereinzelte konventionelle Landwirte geben, die nicht zur Ruhe kommen, weil sie eine Sache so sehr beschäftigt – die entscheidende Frage, die einen nicht mehr loslässt:

Wenn ich jetzt Biobauer wäre, hätte es dann bei mir geregnet? 🤔🤷🏼‍♀️

Weiterführende Links:

Kommentar Jost Maurin, Taz

Kommentar Detlef Flintz, WDR

Allgemein, Landwirtschaft, Politik

Bauernverband fordert eine Milliarde Euro staatliche Nothilfe

Eine Schlagzeile geht durch die Medien:

Bauernverband fordert eine Milliarde Euro staatliche Nothilfe

Wir haben diese Jahr einen Sommer, so einen richtigen Sommer – viel Sonne, warm, keinen Regen. Was viele Urlauber, die nicht in den Süden geflogen sind, freut, ist für viele Bauern eine Katastrophe. Sie sprechen nicht mehr vom „Sommer“, sondern nur noch von der großen „Dürre“. Denn auf den Feldern fehlt der Regen. Vielerorts ist die Ernte vertrocknet. Und auch die Feldfrüchte, die noch nicht geerntet sind leiden – der Mais sieht an manchen stellen aus wie eine Agavenplantage, auf den Kartoffeläckern vertrocknet das Kraut und die Zuckerrüben haben sich abgelegt und schlafen wie Dornröschen. Selbst für mich als Außenstehende ist das ein sehr beklemmendes Gefühl.

Bauernverband fordert staatliche Milliardenhilfe

Aufgrund der Dürre rechnet der Bauernverband im Bundesschnitt mit etwa 20% Ernteeinbußen, in extrem betroffenen Gebieten allerdings mit über 50% Ertragseinbußen. Das ist furchtbar, keine Frage. Nur stelle ich mir die Frage, müssen jetzt staatliche Mittel her? Die SPD sagt „Nein“, denn:

Moderne Landwirtschaft begreift sich als Unternehmer.

So sehe ich das grundsätzlich eigentlich auch. In der Tierhaltung sind wir solche extremen Schwankungen „gewohnt“. Nach einem wirklich gutem Jahr 2017, ist dieses Jahr in unserer Branche eine Katastrophe. Ähnliches mussten die Milchviehhalter in den letzten Jahren erfahren, wo staatliche Hilfen und Eingriffe vom Verband auch bis zuletzt abgelehnt wurden. Nur, was wir in der Schweinehaltung erleben, sind die ganz normalen Marktschwankungen – hier dreht es sich jedoch um das Wetter. Es handelt sich hierbei um eine höhere Gewalt. Ich bin hin- und hergerissen. Zudem stelle ich mir auch die Frage, wie hier eine Verteilung aussieht. Es wird vermutlich viele Nutznießer geben – wie viel bekommt letztendlich wirklich der Landwirt? Die Flächen/Ernteerträge müssen geschätzt/dokumentiert werden, es muss zusammengeschrieben werden, bewertet werden usw. Da freuen sich doch Landwirtschaftskammer und Beratungsunternehmen.

Steuerfreie Rücklagen

Etwas anders sehe ich die zweite Forderung des Bauernverbandes. Dadurch, dass unsere Wirtschaftsjahre doch erheblich unterschiedlich ausfallen, halte ich eine steuerfreie Risikorücklage für eine super Sache. Was bedeutet das konkret? In einem guten Jahr muss natürlich auch der Landwirt seinen Betriebsgewinn versteuern. Dieses passiert jedoch erst im darauffolgenden Jahr. Zudem wird für das Jahr dann eine Vorauszahlung festgelegt, die aufgrund des guten Jahres bemessen wird. Das heißt konkret, dass der Betrieb in dem Jahr zunächst „doppelt“ Steuern zahlt (und hier meine ich mit doppelt im Sinne von „doppelt gemoppelt“, sondern die finanzielle Belastung). Wenn jedoch das Jahr schwach ist, kann das zu einer riesigen finanziellen Belastung des Betriebes werden. Denn, auch wenn nach Abschluss des Jahres eine Rückführung durch das Finanzamt stattfindet, fehlt das Geld schon vorher, d.h. die Liquidität des Betriebes leidet. Das kann existenzbedrohend für einen Betrieb sein. Das hört sich vielleicht jetzt ganz theoretisch an, jedoch befinden sich viele Schweinehalter gerade in einem solchen Jahr. 2017 war ein gutes Schweinejahr. Dieses Jahr entwickelt sich immer mehr zu einer Katastrophe. Die Betriebe haben den Gewinn des letzten Jahres komplett versteuert und machen nun muntere Vorauszahlungen, obwohl das Geld knapp ist. Hätten die Betriebe nun die Möglichkeit „Risikoausgleichsrücklage“ gehabt, bliebe ihnen einfach mehr Luft zum Atmen im Bereich ihrer liquiden Mittel.

Wie soll/kann es gehen?

Mich interessiert Eure Meinung: wie seht Ihr die Milliardenhilfe? Was haltet Ihr von steuerfreien Rücklagen? Stimmt gerne mit ab oder schreibt mir Eure Meinung in die Kommentare.

Allgemein, Landwirtschaft

„Biobauern schlagen sich besser bei Dürre“ – wirklich, Herr Flintz?

Offener Brief zum Kommentar von Detlef Flintz in den Tagesthemen vom 26.07.2018

Dr. Heike Müller
(Landwirtin und Vizepräsidentin des Bauernverbandes Mecklenburg-Vorpommern)

Sehr geehrter Herr Flintz,

mit großem Interesse habe ich am 26. Juli Ihren Kommentar in den Tagesthemen verfolgt.
Ich gehöre sowohl zu den von Ihnen gescholtenen Funktionären des Bauernverbandes als auch zu den Bauern in ihrer Gesamtheit, die Ihnen Ihrem Kommentar zufolge leidtun.
Leute wie ich sind es also, die – demokratisch gewählt – uns Ihrer Meinung nach die jetzige Situation eingebrockt haben und die unseren Kollegen weismachen wollen, dass man in der Landwirtschaft so weiterwirtschaften kann wie bisher.

Ja, auch wir Landwirte tragen eine Mitschuld an den Treibhausgasemissionen, ca. 65 Millionen Tonnen der insgesamt in Deutschland ausgestoßenen 905 Millionen Tonnen anthropogener Treibhausgase stammen aus unserer Branche, das sind gigantische 7% (Quelle: https://www.umweltbundesamt.de/…/klimabilanz-2017-emissione…). Niemand bestreitet dies. Die Erzeugung von Lebensmitteln ist immer auch mit Emissionen verbunden.

Aber: gleichzeitig wird in der Land- und Forstwirtschaft auch durch die Photosynthese CO2 gebunden, im Gegensatz zu den anderen großen Emittenten in Energiewirtschaft, Verkehr und Industrie. Dies ist ein Fakt, der gern übersehen wird.

Evolution statt Revolution

Nein, wir „Funktionäre“ haben denjenigen, die uns gewählt haben, noch nie gesagt, dass alles so bleiben soll, wie es ist. Landwirtschaft ist schon immer im Wandel begriffen, genau wie alle anderen Branchen in der Volkswirtschaft. Aber unser Slogan heißt: Evolution statt Revolution. Denn schon immer hat sich die Landwirtschaft auf andere Gegebenheiten, andere gesellschaftliche und natürliche Rahmenbedingungen einstellen müssen. Dabei ist so mancher landwirtschaftliche Betrieb auf der Strecke geblieben. Wachsen oder Weichen, dieses Erfordernis hat sich kein böser geldgieriger Kapitalist ausgedacht, sondern es ist ein ökonomisches Gesetz (und Ihnen als Volkswirt brauche ich das auch eigentlich nicht erzählen). Dieselbe Spezialisierung, die wir woanders in der Wirtschaft beobachten können, wird in der Landwirtschaft mit Argwohn betrachtet und ein Bild idealisiert, wie wir es vor etlichen Jahrzehnten vorfanden.

Sie unterschätzen auch die Landwirte, wenn Sie ihnen unterstellen, sie würden blindlings das vollziehen, was der Verband ihnen rät und dadurch in ihr Verderben rennen. Jeder Landwirt ist in erster Linie allein für seinen Betrieb verantwortlich, und das weiß er auch! Landwirte haben in der Regel eine gute Ausbildung, viele von uns haben studiert, und trotzdem hinterfragen wir ständig unser Tun.

Wir sehen auch, dass es noch viele Baustellen zu beackern gilt, aber die ständig neuen Forderungen der Gesellschaft, die verschlechterten ökonomischen Rahmenbedingungen, die ausufernde Bürokratie und inzwischen auch die mediale Berichterstattung führen dazu, dass so mancher Betriebsleiter das Handtuch wirft und so manches Bauernkind sein Heil lieber in der Landflucht sucht. Die gerade erst in Kraft getretene Düngeverordnung mit ihren Verschärfungen zur Düngung beispielsweise hatte noch nicht einmal ein Jahr Zeit, um zu greifen (und es wird etliche Jahre dauern, bis Resultate sichtbar werden, denn Grundwasser hat ein langes Gedächtnis!), und schon geht die Kritik weiter, ohne uns Zeit für die Anpassung an die Rahmenbedingungen zu lassen.

Globalisierung – Fluch oder Segen?

Wir Landwirte produzieren für den Markt. Dieser ist im Wesentlichen offen. Und so kommt es, dass auch in Jahren wie diesem, das uns Bauern sehr demütig werden lässt, unser Tisch trotzdem reich gedeckt bleibt und wir alle uns keine Sorgen darum machen müssen, ob wir das nächste Frühjahr erreichen werden. Was hier bei uns fehlt, kauft der Lebensmitteleinzelhandel aus anderen Teilen der Welt zu. Globalisierung – Fluch oder Segen?

Wir haben zu viele Kühe, sagen Sie, die jetzt kein Futter mehr finden, und dass Biobauern sich besser durchschlagen, zumal sie für ihre Produkte mehr Geld bekommen. Ferienwohnungen, Hofläden und Ökologischer Landbau heißt also die Lösungsformel für Sie.

Auch Biokühe finden nichts mehr zu fressen

Davon abgesehen, dass Hofläden und Ferienwohnungen sehr häufig auch bei den konventionellen Betrieben anzutreffen sind und ebenso den Marktgesetzen von Angebot und Nachfrage unterliegen, stimmt es, dass Biobauern häufig breiter aufgestellt sind. Aber auch deren Kühe finden in der jetzigen Notsituation auf den Koppeln nichts mehr zu fressen. Und trotz der höheren Produktpreise sind Bioprodukte ohne die wesentlich höhere Flächenprämie (und damit noch höhere Abhängigkeit vom Staat) nicht konkurrenzfähig.

Dazu kommt, dass der Anteil der Bioprodukte im Lebensmittelhandel nur sehr langsam steigt, und auch dort der Verbraucher jeden Tag ganz basisdemokratisch an der Kasse in der überwiegenden Mehrheit für die Konventionellen abstimmt (Wer wie ich mit dem sehr eingeschränkten Sortiment eines DDR-Konsumladens aufgewachsen ist, für den stellt eine ALDI-Filiale nahezu eine Offenbarung dar, was Vielfalt und Standardqualität angeht, für den ist das verständlich; und wer sind wir denn, dass wir hier über das Einkaufsverhalten unserer Mitmenschen die Nase rümpfen dürfen?)

Gegenseitiger Respekt!

Eine Umstellung auf eine Landwirtschaft nahe an der Natur gäbe es nicht zum Nulltarif, sagen Sie, und stimmen auf höhere Produktpreise ein. Genau das halte ich für einen Trugschluss. Wie wollen Sie den Handel zwingen, die höherpreisigen Lebensmittel zu kaufen, wenn die Nachfrage danach nicht gleichermaßen gegeben ist und das Ausland weiterhin normale konventionelle Produkte liefert?

Wissen Sie, wer die größte Angst vor solch einer durch die Politik erzwungenen Agrarwende hätte? Es wären gerade die Ökobauern, die für sich eine gut funktionierende Nische gefunden haben. Wer den Angebotsdruck erhöht, ohne dass die Nachfrage damit Schritt hält, führt genau diese Betriebe in die Schieflage. Im Übrigen sind viele Biobetriebe Mitglied im Bauernverband. Wir respektieren gegenseitig unsere verschiedenen Wirtschaftsweisen und die verschiedenen Märkte, die wir bedienen. Wir lernen auch voneinander.

Was das Aufhalten des Klimawandels durch den Ökolandbau angeht, sind die Forschungen sich in Bezug auf die Treibhausgasemissionen uneins. Pro Hektar ist er der konventionellen Landwirtschaft überlegen, aber durch die geringeren Erträge pro Hektar wird für das einzelne Produkt der Vorteil weitestgehend wieder aufgefressen.

Staatliche Nothilfe

Staatliche Nothilfe darf nicht zum Dauerzustand werden, fordern Sie. Da kann ich Ihnen uneingeschränkt zustimmen, auch, weil ich diese Gefahr nicht sehe. Zum Glück gibt es viele Jahre, in denen uns die Natur wohlgesonnen ist und wir die Einbußen wieder ausgleichen können. Wenn jedoch wie in 2018 – mit großen regionalen Unterschieden – die Erträge zum Teil nicht einmal die Hälfte des Üblichen betragen, kann über die „Nationale Rahmenrichtlinie zur Gewährung staatlicher Zuwendungen zur Bewältigung von Schäden in der Land- und Forstwirtschaft verursacht durch Naturkatastrophen oder widrige Witterungsverhältnisse“ zumindest Liquidität in die Betriebe gebracht werden. Auch in der Vergangenheit, etwa im Dürrejahr 2003, ist von dieser Option Gebrauch gemacht worden, wobei nur ein Bruchteil der Schadenssumme beglichen wurde.

Steuerbefreite Risikoausgleichsrücklage

Wir würden gern auf diese Art der Hilfe verzichten. Vielleicht könnten wir das auch, wenn ein anderes Instrument, nach dem übrigens die Funktionäre des Bauernverbandes schon seit vielen Jahren „schreien“ (um bei Ihrem Sprachgebrauch zu bleiben), installiert worden wäre. Die steuerbefreite Risikoausgleichsrücklage könnte es uns ermöglichen, in Jahren, in denen wir glücklicherweise zu hohen Steuerzahlungen in der Lage sind, davon etwas abzuzweigen und für Notzeiten auf die hohe Kante zu legen. Bisher wurde diese Forderung jedoch immer abgelehnt.

Die Bauern können einem leidtun, sagten Sie zum Beginn ihres Kommentars. Nun, Mitleid wollen wir nicht. Respekt und Solidarität wären uns deutlich lieber!
Ich weiß, dass Ihr Kommentar eine persönliche Meinung darstellt. Ich möchte das auch nicht in Abrede stellen. Solche Formate gehören zum öffentlichen Diskurs dazu. In einem seriösen öffentlich-rechtlichen Leitmedium entfaltet dies allerdings eine große Wirkung, die ich so nicht unwidersprochen stehenlassen wollte.

Genießen Sie diesen Sommer, mit leckeren Produkten, an deren Herstellung vielleicht auch unser Betrieb beteiligt war!

Beste Grüße aus der Mecklenburgischen Schweiz!

 

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Der landwirtschaftliche Betrieb als NGO – die Zukunft?

Heute morgen habe ich beim Frühstück unseren Sonntags-Tipp gelesen. Dazu gibt es immer einen ganzen Stapel Werbe-Prospekte, die Heini und ich zu gerne „studieren“. Da fiel uns beim Netto Werbeblatt doch etwas ins Auge: Netto wirbt auf der ersten Seite damit, dass sie Verantwortung übernehmen. Neben „Bio Bio“ und „Utz Certified“ hat Netto noch „ein Herz für Erzeuger“.

Spendensumme für Landwirte

Und auf Seite 10 und 11 konnten wir uns davon überzeugen. 10 Cent garantieren sie mehr bei Produkten wie 1 Liter Milch, 10 Eiern, Kochschinken, 4kg Speisekartoffeln und Emmentaler. Und es gibt etwas zu feiern – seit 10 Jahren zahlt Netto schon einen „fairen Preis“ für Erzeuger. Und dann steht auf der Seite etwas, was uns nachdenklich macht:

Spendensumme von über 26.000.000 €

in 10 Jahren, mit denen Landwirte unterstützt werden. 🤔

Fragen über Fragen

Sind wir Landwirte jetzt ein soziales Projekt? Nach welchen Kriterien werden diese Spenden wohl verteilt? Wie werden die Betriebe ausgewählt, die Spenden erhalten? Müssen diese Betriebe gemeinnützig sein? Kann Netto diese Spenden wohl steuerlich geltend machen? Und die viel entscheidendere Frage:

Wieso zahlt Netto nicht einfach gleich einen angemessenen Preis?

Vielleicht stimmt das Klischee vom „dummen Landwirt“ ja doch, weil wir immer noch glauben, wir können mit der Erzeugung von Lebensmitteln Geld verdienen. So langsam stellen wir uns die Frage, ob wir nicht umdenken müssen. Offensichtlich ist es lukrativer, um Spenden zu betteln. Diverse NGOs wie Greenpeace, PETA und WWF machen es uns doch vor.

Ist das Business Modell „NGO“ der Lebensmittelproduktion wirtschaftlich überlegen? 🤔

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Quo vadis – Ferkelkastration

Ab 01.01.2019 dürfen nach heutigem Stand keine Ferkel mehr betäubungslos kastriert werden. Diese Tatsache beschäftigt nun schon eine geraume Zeit die gesamte Branche – nur offensichtlich hat niemand bislang eine flächendeckende Lösung im Angebot – und die Zeit rennt, bis zum 01.01.2019 sind es knapp fünf Monate. Für mich ist vor allem interessant, welchen Weg unsere Abnehmer, sprich die Schlachtunternehmen bzw. der Lebensmitteleinzelhandel, präferieren.

Offener Brief

Um das herauszufinden schrieb ich vor gut zwei Monaten einen offenen Brief an die jeweils „Big Five“ der Schlachtunternehmen (Tönnies, VION, Danish Crown, Westfleisch und Müller) und des LEH (REWE, EDEKA, ALDI, LIDL und Metro Group). Innerhalb der letzten Wochen antworteten mir zumindest von fünf der zehn angeschriebenen Unternehmen.

Die Schlachthöfe

Danish Crown scheint überhaupt kein Problem zu sehen. Im Antwortschreiben heißt es:

In Dänemark haben wir die notwendigen Beschlüsse getroffen, indem eine freiwillige Branchenabsprache um Betäubung und Schmerzlinderung von Eberferkeln in Verbindung mit der Kastration per 01.01.2019 mit den Erzeugern getroffen ist. Eine Kontrolle wird durch Danish Produktiostandard/QS gemacht.

Soweit – so gut, nur was sie von uns Lieferanten erwarten, bleibt offen. Kein Wort darüber, ob aus Sicht von Danish Crown auch Jungeber oder immunokastrierte Tiere angenommen werden.

Die Vion Food Group ist hier wesentlich konkreter – sie schreiben, dass alle ihre Kunden im In- und Ausland deutlich gemacht haben, dass sie die Immunokastration ablehnen. So bleibt für die Erzeuger die Kastration unter Betäubung oder die Jungebermast. Bei der Jungebermast sei allerdings der Markt gesättigt. Aus diesen Gründen setzt sich VION für den 4. Weg ein, der die lokale Betäubung in der Hand des Landwirtes ermöglicht.

Auch die Westfleisch befürwortet den sogenannten „4. Weg“ und ist einer der Unterzeichner der „Herriedener Erklärung“ Mitte März 2017. Allerdings sieht die Westfleisch das vom Gesetzgeber angestrebte Ziel, zum 01.01.2019 aus der betäubungslosen Ferkelkastration auszusteigen, skeptisch. So setzt sich die Westfleisch für eine Fristverlängerung über den 01.01.2019 hinaus ein.

Leider habe ich bislang keine Antwort von den anderen beiden Unternehmen erhalten (oder sie sind nicht bei mir eingegangen – dann bitte gerne noch einmal per Mail an mich senden).

Der Lebensmitteleinzelhandel

Auch zwei Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels haben mir geantwortet. Als erstes die REWE GROUP. REWE schreibt, dass sie sich schon seit Anfang 2017 intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. Das kann ich bestätigen, Herr Ludger Breloh hat bereits 2016 auf dem Bauerntag des Deutschen Bauernverbandes in Hannover klar Stellung bezogen:

Improvac sei der „goldene Weg“, sagte Ludger Breloh von der Handelskette Rewe kürzlich auf einer Fachveranstaltung auf dem Deutschen Bauerntag, „auch wenn sich Schweinebauern dagegen wehren“.  (Quelle FAZ)

REWE hat sich seit dem 01.01.2017 das Ziel gesetzt, nur noch Frischfleisch zu vermarkten, das von nicht betäubungslos kastrierten Schweinen stammt. Seitdem akzeptiert REWE alle drei in Deutschland gesetzlich erlaubten Verfahren. Weiter heißt es im Schreiben:

Tiergesundheit und Tierwohl müssen hierbei stets im Fokus stehen. Die Immunokastration ist in diesem Zusammenhang die Alternative, bei der das Tier den geringsten Störungen ausgesetzt ist.

Aber auch das Thema Lokalsnästhesie, welches momentan diskutiert wird, kann zukünftig eine Option sein.

Auch die Schwarz Gruppe (Lidl und Kaufland) hat mir geschrieben. Auch die Schwarz Gruppe unterstützt den Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration. Sie setzt auf Jungebermast und Kastration unter Betäubung:

Entsprechend den Erwartungen unserer Kunden führen Lidl und Kaufland frisches Schweinefleisch nach QS-Standard. Dieser stellt sicher, dass alle vermarkteten Ferkel unter den ab 01.01.2019 zugelassenen alternativen Verfahren zur Ferkelkastration aufgezogen werden.

Hier bleibt die Frage, was die Schwarz Gruppe bei einer Fristverlängerung macht – möchte sie dann dennoch ausschließlich unter Betäubung kastrierte Tiere vermarkten? Gilt dann die Vorgabe von QS, die z.B. dänischen Ferkeln, die nach Maßgabe des 4. Weges, der zur Zeit in Deutschland noch kein anerkanntes Verfahren darstellt, kastriert werden, hier einen klaren Wettbewerbsvorteil einräumen? Ich werde das noch einmal hinterfragen. Merkwürdig finde ich allerdings, dass Lidl nach Aussage des NDR „bereits seit Anfang 2015 nur noch Frischfleisch von „nicht kastrierten Schweinen“ – also von Sauen und Ebern“ akzeptiert. Hier ist die an mich gerichtete Antwort der Schwarz-Gruppe doch etwas widersprüchlich.

Und die anderen?

Die anderen Unternehmen haben wie gesagt bislang nicht geantwortet. Tönnies finden wir jedoch ebenfalls als Unterzeichner auf der „Herriedener Erklärung“.

ALDI Süd hatte angekündigt, mir zu antworten – ich warte gerne:

wir melden uns so schnell wie möglich bei Ihnen. Haben Sie bitte noch etwas Geduld.

Von der Metro Gruppe und EDEKA habe ich leider gar keine Rückmeldung bekommen. Jedoch bin ich hinsichtlich EDEKA Südwest im Internet fündig geworden. EDEKA Südwest hat ein Programm, welches sich „Gutfleisch“ nennt. Hier heißt es im Kriterienkatalog Dachmarke Gutfleisch:

Ziel: Verzicht auf die betäubungslose Kastration ab 01.07.2018.

Erlaubt sind alle bis dahin gesetzlich zugelassenen Alternativen (Jungebermast, Immunokastration, Kastration unter Betäubung). Betriebe, die bereits ab 01.07.2018 alternative Methoden zur betäubungslosen Kastration per Nachweis anwenden, erhalten bis 31.12.2018 von EDEKA Südwest Fleisch eine Kostenerstattung nach unten stehender Liste:

– Für Immunokastration: 4 € / Mastschwein

– Für Kastration unter Betäubung: 3,13 € / Ferkel (bei Vollnarkose)

Demnach gehe ich davon aus, dass EDEKA Südwest neben der Jungebermast und der Kastration unter Betäubung auch durchaus die Immunokastration als einen Weg sieht.

Nach Recherche von Oda Lambrecht (NDR) setzt sich ALDI für die Ebermast ein und soll bereits seit Anfang 2017 kein Frischfleisch mehr von kastrierten Ferkeln handeln.

Mein Fazit

Kurz gesagt, ich bin nicht schlauer als vorher. Es ist ein Spiel auf dem Rücken der deutschen Ferkelerzeuger. Die Schlachtunternehmen und die Vermarkter schieben sich schön gegenseitig den schwarzen Peter zu, nur leider bekennt niemand wirklich Farbe. Zudem stellt sich mir auch die Frage, wie die Vermarkter einkaufen bzw. wie hier eine Nämlichkeit garantiert wird. Da zum Beispiel REWE bereits seit 01.01.2017 im Bereich Frischfleisch kein Fleisch mehr von betäubungslos kastrierten Tieren vermarktet, bleibt die Frage, wie dort die Gewährleistung aussieht?

  1. nehmen sie nur Fleisch von weiblichen Tieren in ihr Frischfleisch-Programm?
  2. oder zusätzlich nur Tiere aus der Jungebermast?
  3. oder haben sie Vertragsmäster, die Improvac (= Immunokastration) einsetzen? (die dann allerdings offensichtlich nicht von der VION Group geschlachtet werden)
  4. oder erfolgt eine Kontrolle der Ferkelerzeuger (und wenn ja, wie?), die unter Betäubung kastrieren?

Wenn ALDI und Lidl ausschließlich Jungeber in der Frischfleischvermarktung haben und für sowohl REWE als auch EDEKA die Immunokastration ein Weg ist, dann verstehe ich die Schlachtunternehmen und die Verbände nicht. Denn damit wären wir dem Ziel der bereits im September 2008 gezeichneten Düsseldorfer Erklärung schon ein großes Stück näher gekommen. Denn darin heißt es:

Um neben dem Verbraucherschutz auch den Tierschutz zu gewährleisten, wird vereinbart, die Entwicklung eines alternativen Verfahrens zur traditionellen Kastrationsmethode, das in Deutschland flächendeckend angewendet werden kann, zu beschleunigen. (…) Ziel ist es, unter Ausschluss jeglicher Risiken für die Verbraucher und die Tiere auf die Kastration gänzlich verzichten zu können.

Nur meine Befürchtung ist, dass mit Forderung des vierten Weges der Tierschutz vollkommen aus den Augen verloren wird. Das ist traurig und bringt keinerlei Verbesserung für die Ferkel.

Allgemein, Landwirtschaft, Politik, Tierrechtler

Der Überbringer der schlechten Nachricht…

… wurde fälschlicherweise schon im alten Griechenland bestraft. Die Frage, die sich stellt ist, wann lernen wir endlich dazu, lassen das und machen uns auf den Weg, um nach Lösungen zu suchen?

Tierschutzkontrollen in den Betrieben

Die Neue Osnabrücker Zeitung hat die Antwort der Bundesregierung auf die Anfrage der Grünen hinsichtlich der Häufigkeit von Tierschutzkontrollen in landwirtschaftlichen Betrieben in einem Artikel aufgegriffen. Demnach finden in Niedersachsen rechnerisch in einem Betrieb nur alle 20 Jahre Kontrollen bezüglich Tierschutzgesetz durch das zuständige Veterinäramt statt, auf Bundesebene alle 17 Jahre.

Die Landwirte sind empört

Das Landvolk hat Zweifel an den Zahlen der Komtrolldichte. Auch in den sozialen Medien empören sich Landwirte – vor allem wird der Autor des Artikels auf seine Facebook Seite zum Teil wirklich auf unverschämte Art und Weise angegriffen. Nur warum sind die Landwirte empört? Und wie kommt es nun zu diesen Zahlen?

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen

In Deutschland ist es Aufgabe des zuständigen Veterinäramtes, die Anforderungen im Bereich des Tierschutzes zu kontrollieren. Weitere Aufgaben des Veterinäramtes ist zum Beispiel die Lebendbeschau bei Schlachtgeflügel – diese findet bei jedem Durchgang kurz vor dem Verladen statt. Diese Überprüfung ist jedoch keine reine Tierschutzkontrolle und fällt nicht in die Anfrage. In schweinehaltenden Betrieben ist das Veterinäramt weiterhin für die Kontrollen nach Schweinehaltungshygiene-Verordnung zuständig. Aber auch diese Kontrollen sind keine expliziten Tierschutzkontrollen.

Neben den Kontrollen durch das zuständige Veterinäramt haben die Betriebe in Niedersachsen zum Beispiel noch Kontrollen durch das Laves, das Bauamt, durch die Landwirtschaftskammer oder Kontrollen von privaten Initiativen wie durch Q+S oder ITW o.ä.

Kontrollen sind immer unangenehm, aber…

Ich kann durchaus verstehen, dass Landwirte genervt sind, wenn die Forderung nach noch mehr Kontrollen aufploppt. Denn solche Kontrollen kosten jedes Mal Zeit und auch Nerven. Jede Kontrolle, egal durch welche Institution, ist unangenehm. Dennoch sollte sich die Landwirtschaft diesen Schuh nicht anziehen. Es ist kein Verschulden der Landwirtschaft, dass nicht ausreichend Kontrollen im Bereich Tierschutz durch das Veterinäramt statt finden.

Und wenn wir nicht wollen, dass Tierrechtsorganisationen als selbsternannte Stallpolizei auch weiterhin durch deutsche Gerichte freigesprochen werden, weil sie für die Gesellschaft eine wichtige Arbeit leisten, denn täten wir gut daran diesen Missstand nicht zu negieren. Wir sollten nicht den Überbringer der schlechten/unbequemen Nachricht ächten, sondern zu unserem eigenen Schütze mehr Kontrollen durch das Veterinäramt fordern.

Anfrage Bündnis 90/Die Grünen

NOZ Bericht

Stellungnahme des Landvolks

Meinung Dirk Fisser und Diskussion mit z.T. empörten Landwirten

Allgemein, Landwirtschaft, soziale Medien

Nach Meldung wegen Tierschutzvergehen – Aufruf zur Lynchjustiz im Netz

Was ist bloß mit der Welt los?

Das ist eine Frage, die ich mir in letzter Zeit immer häufiger Stelle. Nachdem die Bilder, die das Totschlagen von Saugferkeln zeigen, durchs Netz gingen, kamen auch promt die ersten Hasskommentare. Auch ich verurteile die Art und Weise des Nottötens der „Kollegen“ im Stall aufs Schärfste (siehe meinen Blogpost „Ich habe keine Lust mehr“), nur das gibt niemanden das Recht, zur Lynchjustiz aufzurufen.

Hasskommentare u.a. gegen Landwirte – unser täglich Brot

Der Hass im Netz nimmt immer mehr zu. Mir fällt dieses natürlich vor allem gegen uns Landwirte auf. Wir werden als „Tierquäler“, „Giftspritzer“ und „Umweltverschmutzer“ beschimpft, erhalten Drohmails und Briefe. Nur leider finden solche Hassreden auch regelmäßig auf öffentlichen Seiten der Medien statt. Viele haben auf ihren Seiten eine „Nettiquette“ formuliert, viele moderieren ihre Seiten und greifen auch in Extremfällen ein – nur eben leider nicht alle. Und so habe ich heute morgen auf der Seite der BILD unter einem Beitrag über den Brandenburger Sauenhalter folgenden Kommentar gefunden:

Sollte man mit der Person vor den Kisten auch machen. Gleiches Recht für alle.

Über 800 Likes für das Totschlagen von Menschen

Für diesen Kommentar hat der Schreiberling (bis heute morgen) alleine über 800 „gefällt mir“ und Herzchen erhalten. Keine Frage, es ist absolut schlimm, was dort mit den Ferkeln gemacht wurde. Aber solche Kommentare und die allgemeine Zustimmung schockieren mich sehr. Dieser Kommentar findet sich auf der offiziellen Facebook Seite von BILD. Auch BILD hat dort in seinem Impressum eine „Nettiquette“ für die Facebook-Seite formuliert. Dort ist folgendes zu lesen:

Damit sich aber jeder auf der BILD-Facebook-Seite wohlfühlt, gelten auch hier bestimmte Umgangsformen. Nur gegenseitiger Respekt und Höflichkeit sorgen für eine rege Diskussion.

und weiter:

Leser-Kommentare werden gelöscht, wenn ihr Inhalt rechtswidrig ist, grob anstößig, pornografisch oder sexuell, jugendgefährdend, extremistisch, Gewalt verherrlichend oder verharmlosend, den Krieg verherrlichend, für eine terroristische oder extremistische politische Vereinigung werbend oder zu einer Straftat auffordernd. Ebenso werden Kommentare entfernt, die ehrverletzende Äußerungen, sonstige strafbare Inhalte, Werbung oder gewerbliche Inhalte enthalten.

Soweit so gut – nur hat BILD sich zu diesem Kommentar geäußert?

– Nein, im laufenden Tweet bieten sich dann Menschen zum Mitmachen an, BILD löscht es nicht, kommentiert das nicht und greift hier auch nicht moderierend ein. Ich bin absolut fassungslos.

Unterstützt BILD Aufruf zur Lynchjustiz?

Zumindest sieht BILD keine Notwendigkeit zum Handeln. Allerdings ist Lynchjustiz streng verboten, so dass dieser Kommentar definitiv gegen die Nettiquette verstößt.

Exkurs: Was ist Lynchjustiz? In einem Rechtsstaat ist Lynchjustiz streng verboten. Über die Frage, wie eine Straftat beurteilt wird, entscheidet alleine ein Gerichtsverfahren. Dort wird auch festgelegt, ob und wie der Angeklagte bestraft wird. Denn es kann immer sein, dass Dinge, die scheinbar ganz klar und eindeutig sind, bei näherer Betrachtung ganz anders aussehen. Und das ist auch gut so – wie das ansonsten enden kann, haben wir neulich gerade bei einem Fall in Bremen gesehen (Lynchjustiz in Bremen).

Ein Einzelfall?

Leider ist das kein Einzelfall. Ein anonymes (Fake-)Profil in sozialen Netzwerken ist schnell angelegt. Und damit kann man dann schreiben, was man möchte – ist ja schließlich anonym und selbst bei Hasskommentaren drohen letztlich keine Konsequenzen. Diese Hassreden sind im Netz ein fast alltägliches Phänomen.  Immer wieder wird massiv im Netz auf öffentlichen Seiten gegen uns Landwirte gehetzt – wir werden beleidigt, beschimpft, bedroht. Und auch der Aufruf zu Gewalttaten ist leider nicht selten. Neben dem, dass die Betreiber der Seiten nicht reagieren, ist auch eine Meldung bei Facebook selber häufig ohne Erfolg. Laut einer Studie ist für viele Hass-Kommentare im Internet eine verschwindend kleine Minderheit der Nutzer verantwortlich. Dennoch ist es frustrierend und beschämend, wie diese Menschen im Netz so agieren. Nur was mich an diesem Beispiel wirklich schockiert ist die breite Zustimmung der Mitleser – denn über 800 „gefällt mir“ auf einem Kommentar ist schon wirklich eine Menge.

Was ich mir wünsche…

Liebe Redaktionen und Seitenbetreiber – wir müssen dringend einen Weg finden, dieses Phänomen, das sich im Netz breitmacht, in den Griff zu bekommen. Denn wenn sich im Netz nur die Lauten und Aggressiven durchsetzen, drängen diese alle anderen zurück – auch wenn diese (hoffentlich noch) in der Mehrheit sind. Bitte nehmt Eure eigene „Nettiquette“ ernst und begegnet den Hatern – seid konsequent. Denn nur so machen Diskussionen in den sozialen Medien Spaß – meinetwegen hart in der Sache, aber bitte freundlich im Umgangston.

…auch von den Landwirten

Liebe Kollegen, auch Ihr seid hier gefordert. Denn ein weiteres Phänomen ist, dass sich viele von diesen Hasskommentaren provozieren, anstecken und mitreißen lassen.

 Gewalt erzeugt Gegengewalt

Bitte nehmt Euch auch zurück – wenn Ihr Euch provoziert fühlt, entzieht Euch der Diskussion. Füttert keine Trolle – versucht Euch im Griff zu behalten. Lasst uns mit einer guten Diskussionskultur und fachlicher Untermauerung punkten. Denkt immer an die stillen Mitleser – die überzeugt Ihr nämlich nur so. DANKE!