Allgemein, Bayer, Glyphosat, Kommentar, Landwirtschaft, soziale Medien

“Ihr seid doch alle gekauft” – meine Coming Out Story

Die letzten drei Tage war ich in Köln, Rommerskirchen, Monheim und Leverkusen. Ich habe auf Einladung von Bayer am „Future of farming dialogue 2019“ teilgenommen.

Der „future of farming dialogue“ findet jährlich statt. Auch im letzten Jahr durfte ich schon dabei sein. Es ist ein weltweites Treffen von Journalisten, Influencern und Stakeholder. Das Treffen wird (wie oben bereits geschrieben) von Bayer organisiert.

Landwirt*innen treffen sich mit Bayer?

Diese Frage war eine der ersten Reaktionen einer Journalistin auf meinen ersten Tweet zum Treffen:

Und auch weitere kritische Fragen bzw. Kommentare ließen nicht lange auf sich warten:

Mein persönliches Coming Out

Ja, ich denke, es wird Zeit, endlich die „Hose runterzulassen“.

Ja, ich war eingeladen von Bayer.

Ja, Bayer hat die Kosten für die Übernachtung und das Catering während der Veranstaltung übernommen, und wir waren am Montag Abend in der Brauerei „Früh“ zum Essen eingeladen.

Nur im Weiteren muss ich Euch nun enttäuschen – Bayer bezahlt mich nicht. Bayer hat mich nicht verpflichtet, für den Konzern zu sprechen. Bayer erwartet keinerlei Gegenleistung.

Und um auch das gleich klarzustellen: auch vom Bauernverband oder anderen Verbänden oder Unternehmen erhalte ich keinerlei Aufmerksamkeiten.

Ich bin vollkommen unabhängig. Alles, was ich hier in meinem Blog schreibe, was ich twitter, was ich bei Facebook veröffentliche, ist einzig und allein meine eigene Meinung.

Future of farming dialogue

Zurück zum Future of farming dialogue – mein Fazit:

Dieses Treffen war für mich wieder absolut großartig. Auf der einen Seite ist es mega interessant, einen Einblick in die Arbeit von Bayer zu bekommen: wie arbeitet das Unternehmen weltweit, was tut Bayer in Bereichen wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit, wie ist ihre Zusammenarbeit mit den Landwirten rund um den Globus, wo liegen ihre Forschungsschwerpunkte?

Auf der anderen Seite ist dieses Treffen eine riesige Chance, sich mit anderen Menschen weltweit zu vernetzen. Es kommen zu dieser Veranstaltung Menschen aus über 40 Ländern zusammen, alle haben andere Herausforderungen, jedoch alle dieselbe Leidenschaft und alle dasselbe Ziel: die Welt mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen.

Natürlich ist diese Veranstaltung auch eine PR Veranstaltung für Bayer – nur damit hält der Konzern auch nicht hintern Berg – und das ist auch vollkommen legitim.

Ich wünsche mir zukünftig einen offeneren Umgang (v.a. seitens der Kritiker) mit dem Unternehmen Bayer. Ich habe in den vergangenen drei Tagen wieder einmal ein Unternehmen gesehen, was sich sehr viele Gedanken zu Themen wie Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Biodiversität macht, das jedoch die Lebensmittelproduktion für die stetig wachsende Bevölkerung dabei nicht aus den Augen verliert, und welches versucht, den Spagat dazwischen mit uns Landwirten zu meistern.

Anbei noch einige Eindrücke von der Veranstaltung

Allgemein, Bauern, Kommentar, Landwirtschaft, soziale Medien, Tierrechtler

Liebe Medien – shame on you!

Und es hört nicht auf – der nächste Tierschutzskandal?

Und da ist es wieder passiert – diesmal im Allgäu: ein größerer Familienbetrieb soll sich nicht ausreichend um seine erkrankten Kühe gekümmert und nicht gesetzeskonform notgetötet haben. Ich möchte hier nun nichts zu den Bildern und zum Betrieb schreiben, da ich bislang weder die Bilder noch den Betrieb kenne. Und ich möchte auch gleich vorweg sagen, dass ich eine nicht korrekt durchgeführte Nottötung weder gutheißen kann noch will.

Familie an den Pranger

Nur dieses Mal gehen die Medien wieder einen Schritt weiter und für mich viel zu weit. In der Pressemitteilung des SWR heißt es:

Der Milchviehbetrieb XXX (in der Pressemitteilung wird er namentlich genannt) in Bad Grönenbach im Allgäu quält nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung sowie den ARD-Politikmagazinen REPORT MAINZ und Fakt seine Tiere.

Ich bin fassungslos – in der Pressemitteilung wird der Betrieb mit Namen und Wohnort genannt. Die Presse stellt die Familie öffentlich an den Pranger – eine Hexenjagd. Und ich frage mich unweigerlich – wie weit soll das Ganze noch gehen? Bis jemand durchdreht und es Tote gibt – sei es durch Suizid oder Mord? Mich macht das fassungslos! Wo ist unser Rechtsstaat bloß hingekommen? Gilt in Deutschland nicht mehr die „Unschuldsvermutung“? Ist es hier nicht einmal so gewesen, dass jemand, bis seine Schuld bewiesen wurde, unschuldig ist? Und hieß es nicht auch einmal „in dubio pro reo“? Lebten wir nicht einmal in einen Rechtsstaat?

Und ich frage mich – wo bleibt der Aufschrei?

Wo sind die Berufskollegen, wo unsere Verbände? Wer denkt an die Familie, an die Kinder bzw. Enkelkinder? Wer denkt daran, dass diese weiterhin in ihrem Dorf wohnen, leben, am Dorfleben teilnehmen? Wir diskutieren über Mobbing bei Bauernhofkindern und parallel sind Landwirtsfamilien in den Medien vogelfrei? Es macht mich unsagbar traurig und furchtbar wütend! Und ich habe Angst – ich habe Angst, dass in naher Zukunft etwas wirklich Schlimmes passieren könnte. Denn die ersten „Reaktionen“ in den sozialen Medien haben nicht lange auf sich warten lassen:

 

 

Im Zeitalter, wo Politiker ermordet werden, ist das Ganze für mich unbegreiflich. Hier wird eine widerliche Hexenjagd betrieben! Das muss aufhören!

Und nur, damit wir uns nicht missverstehen – tierschutzrelevante Vorfälle müssen schnellstens im Sinne der Tiere beseitigt werden – keine Frage. Landwirte und ihre Familien müssen in solchen Fällen nicht öffentlich an den Pranger gestellt werden – sie brauchen (unsere) Hilfe.

Allgemein, Bauern, Kommentar, Landwirtschaft, soziale Medien, Tierrechtler, USA

Und niemand denkt an die Tiere…

Tierrechtsaktivisten stürmen Sauenstall in Holland

Eine Gruppe von rund 125 Tierrechtsaktivisten hat sich am Montag mit brachialer Gewalt Zutritt zu einem Sauenstall verschafft und diesen für rund 10 Stunden besetzt. Die Mitglieder der international agierenden Kampagne „Meat the Victims“ forderten die Freilassung der Tiere. Auf Videos und Bildern konnten wir verfolgen, wie sie sich auf den Gängen in den Abferkelställen, Warteställen und Ferkelaufzuchtställen verschanzten.

Mediale Aufmerksamkeit

Auch in Live-Videos kann man in den sozialen Medien ihre Aktion verfolgen. Ohne jegliches Unrechtsbewusstsein gehen diese Menschen in die Stallungen, dort von einem Abteil ins andere – als wäre das ihr gutes Recht und vollkommen selbstverständlich. Es werden Ferkel auf den Arm genommen, die Sauen flippen im Abferkelstall aus – ja, weil die „bösen bauern“ sie eingesperrt haben – NEIN, weil sie ihre Ferkel schützen wollen, die sich zwangsläufig für ein Foto für die mediale Aufmerksamkeit des Tierrechtlers schreiend auf dessen Arm befinden.

Tierschutz – Fehlanzeige

Niemanden aus diesen Gruppen geht es um Tierschutz – denn sich aktiv für Tierschutz einzusetzen erfordert vor allem Fachwissen – dieses fehlt hier jedoch vollkommen. Diese Menschen haben keine Ahnung, wie Schweine sich verhalten, sie wissen nichts über diese Tiere. Sie haben keine Idee, welche Gefahr sie Betrieb und Tiere aussetzen, wenn sie einfach so in die Ställe eindringen.

Die Tiere haben panische Angst, weil sie das einfach nicht kennen, dass dort so viele Menschen lauthals schreiend/sich unterhaltend in den Abteilen aufhalten, dass dort so viele Menschen sich schnell bewegend durch die Abteile irren. Diese Tiere haben massiv Stress, weil sie diese Aktion überhaupt nicht einordnen können. Ich möchte nicht wissen, wie viele Ferkel von den panischen Sauen im Abferkelstall erdrückt wurden, weil die Sauen so „durch den Wind“ waren.

Bildquelle: pigbusiness.nl

Solche Aktionen haben wirklich gar nichts mit Tierschutz zu tun – diese sind für unsere Tiere einfach nur purer Stress.

Tierrechtler tragen Verantwortung für die Tötung aller Tiere

Diese Aktivisten haben ohne mit der Wimper zu zucken den gesamten Betrieb, alle Tiere des Bestandes, in Gefahr gebracht – und das scheint ihnen für ihre mediale Aufmerksamkeit auch vollkommen egal zu sein. Es waren Aktivisten aus Holland, Belgien und Deutschland vor Ort. Aufgrund der Gefahr der Einschleppung einer Tierseuche (in Belgien gibt es zur Zeit etliche Fälle von afrikanischer Schweinepest) steht es im Raum, dass die niederländischen Behörden vorsorglich den gesamten Schweinebestand dieses Betriebes töten lassen.

Sehr geehrte Tierrechtler, das habt Ihr dann zu verantworten!

Ich finde es beschämend, dass diese Menschen sich überhaupt keine Gedanken über uns und unsere Tiere machen. Es geht ihnen nur um ihr eigenes kleines Ego – um die Aktion, um die mediale Aufmerksamkeit. Niemand von diesen Aktivisten denkt an die Tiere, an die Menschen, an die Familien hinter den Betrieben.

Liebe Kollegen – lasst uns zusammenhalten!

Richtig klasse fand/finde ich die Solidarität in den Niederlanden unter den Landwirten. Innerhalb kürzester Zeit sind viele Kollegen zum Betrieb gefahren, um sich solidarisch zu zeigen. Sie haben die Familie super unterstützt. Auch im Netz war der Zusammenhalt enorm – einfach richtig klasse!

Meine Gedanken sind, wie auch die vieler unserer Berufskollegen, bei der Familie des Betriebes. Diese wurden am Verlassen des Stalles gehindert und so quasi in Geiselhaft genommen. Es tut mir unendlich leid, was Ihr am Montag für ein Leid ertragen musstet. Wir stehen hinter Euch und werden Euch unterstützen, wo wir können. Wir hoffen inständig, dass Eure Tiere nicht getötet werden müssen. Falls es doch sein muss, werden wir ein Spendenkonto einrichten, damit Ihr möglichst schnell wieder Euren Betrieb aufbauen könnt.

Lasst uns zusammenstehen, auch grenzübergreifend!

Allgemein, Bauern, Bauerntum, Familie, Kommentar, Landwirtschaft, soziale Medien

Der böse, böse Bauernverband

…oder wie ein Bauernverbandspräsident für jegliche Kritik herhalten muss…

Letzte Woche ein Bericht über Agrarfunktionäre, diese Woche ein Zitat herausgerissen aus einem Zeit Interview – Joachim Rukwied, Präsident des deutschen Bauernverbandes, hat momentan keinen leichten Stand. Ein paar Gedanken zu den aktuellen Ereignissen:

Die Story – „Gekaufte Agrarpolitik – wie Industrie und Agrarlobby durchregieren“

So lautete der Titel der „Die Story“ am 29. April im Ersten. Es ging darum, dass Verbandsvertreter (Funktionäre) gleichzeitig in der Politik tätig sind und in verschiedensten Gremien sitzen. Hintergrund ist eine Studie des Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW) der Universität Bremen im Auftrag des Nabu. Der Nabu schreibt dazu auf seiner Homepage:

Die deutsche Agrarlobby: verfilzt, intransparent und wenig am Gemeinwohl orientiert (…)

NABU-Studie legt Lobbynetz des Deutschen Bauernverbands offen (…)

Die Macht der Agrarlobby muss endlich stärker beschränkt werden.

Damit sollte eigentlich dem letzten klar sein, worum es wirklich geht – dem ist nur leider nicht so. Im Netz geht’s heiß her – neben vielen anderen Menschen, echauffieren sich auch sehr viele Landwirte. Was offensichtlich vielen nicht klar ist – Joachim Rukwied repräsentiert in den Gremien, in denen er vertreten ist, in der Regel die Interessen des Deutschen Bauernverbandes. Er ist dort Kraft seines Amtes als Präsident des deutschen Bauernverbandes, nicht als Person Joachim Rukwied.

Das mag einigen nicht gefallen – ändert jedoch nichts an der Tatsache. Wenn es den Mitgliedern des Bauernverbandes nicht gefällt, ist das allerdings schlecht. Nur dann sind letztlich auch die Mitglieder gefordert – nur von den Kritikern möchten die meisten doch einfach nur „vertreten“ werden – dann allerdings hinterher meckern, dass es nicht in ihrem Sinne war – das ist zu einfach. Mitgestalten heißt das Zauberwort.

Und dann muss auch die Frage erlaubt sein – wer will diese Aufgaben annehmen und von wem fühlen sich diese Landwirte besser vertreten? Wer fühlt sich in der Lage, diese Ämter auszuüben?

Das Zeit Interview und „Unser Land“

„Die letzten ihrer Art“ titelt diese Woche die ZEIT. Es geht um den Strukturwandel in der Landwirtschaft. Auf der einen Seite schließen rund 5000 bäuerliche Betriebe pro Jahr in Deutschland (1,5 bis 1,7 %). Auf der anderen Seite steigt die Tendenz zu größeren Höfen weiter an. Auch Joachim Rukwied hat der ZEIT ein Interview zu diesem Thema gegeben. Auf die Frage, wie er den Trend, dass immer mehr Höfe schließen, stoppen möchte, antwortet er der ZEIT:

Jeder Hof, der aufgibt, bedeutet einen Verlust an Agrikultur. Aber wir halten das Tempo des Strukturwandels von 1,2-1,5 Prozent Verlusten pro Jahr für akzeptabel. Auch weil dann diejenigen, die sich entscheiden, in einen Betrieb einzusteigen, eine bessere Perspektive haben.

Diese Antwort aus dem Zusammenhang gerissen, konnten wir dann bei „Unser Land“ bestaunen – und die Welle der Empörung schlägt natürlich hoch. Der Post von „Unser Land“ ist reine Provokation, mit diesem Foto und diesem herausgerissenen Zitat Stimmung zu schüren. Und diese Provokation geht ganz genau auf, wie man an den Reaktionen im Netz in den sozialen Medien sehen kann.

Quelle: Facebook Seite Unser Land

„Akzeptabel“ – „verträglich“, egal, welches Wort Joachim Rukwied verwendet hat, ist im Kontext mit einem so emotionalem Thema einfach äußerst unglücklich gewählt. Nur wie sehen die „nackten Fakten“ aus?

Strukturwandel – was ist normal?

Wie sieht es in anderen Bereichen aus? Die Zahl der Handwerksbäckereien sank von 19.813 im Jahr 2010 auf 11.347 Betriebe in 2017 – das ist eine Abnahme von 42% in sieben Jahren (Quelle: handelsdaten.de ). Im Fleischerhandwerk sieht es nicht anders aus. Bundesweit ging die Zahl der Lebensmittel-Handwerksbetriebe bis 2016 bereits auf 70 Prozent im Vergleich zu 2008 zurück.

Wenn man sich diese Zahlen mal auf der Zunge zergehen lässt, empfinde ich Rukwieds Aussage nicht für unredlich – dann ist der Strukturwandel in der Landwirtschaft eben noch „akzeptabel“.

Kann Strukturwandel überhaupt „normal“ sein?

In Deutschland gehen täglich 80 ha landwirtschaftliche Nutzfläche aus der Produktion – das sind täglich zwei Betriebe. Strukturwandel hat es immer gegeben, und wird es auch immer geben. Und in einem gewissen Rahmen ist dies auch durchaus zu vertreten – nichts anderes sagt Joachim Rukwied. Und wenn Betriebe aufgeben, wachsen andere, das liegt in der Natur der Sache. Und weder der Deutsche Bauernverband noch Joachim Rukwied in Person können entgegen den wirtschaftlichen Tendenzen, den Strukturwandel aufhalten. Ziel kann es nur sein, diese Entwicklung möglichst sozialverträglich zu gestalten.

Gründe für den Strukturwandel

Auch die Gründe für den Strukturwandel werden immer gerne dem Bauernverband zugeschustert, propagiere dieser ja schon eh und je das „Wachsen oder Weichen“ Prinzip.  „Wachsen oder weichen“, das ist – man mag es beklagen – eine ökonomische Gesetzmäßigkeit. Die hat sich niemand ausgedacht – kein böser Kapitalist, kein Bauernpräsident. Es sind viele Faktoren, die dazu beitragen, diesen Prozess zu beschleunigen. Nur warum hören Betriebe auf?

Es geben sicher Betriebe auf, weil sie zu klein und/oder unrentabel sind. Wer einen unrentablen Betrieb zu lange weiter bewirtschaftet, zerstört letztlich Kapital und damit seine Lebensgrundlage. Von den Betrieben, die aussteigen, steigen jedoch die wenigsten aus, weil sie insolvent sind.

Die meisten Betriebe werden aufgegeben, weil keine Nachfolge vorhanden ist. Häufig ist keiner in der Familie zu finden, der eigenverantwortlich den Betrieb weiterführt. Die Gründe dafür sind vielfältig: keine Kinder (kein Nachfolger), fehlendes Interesse, fehlende Wirtschaftlichkeit, fehlende Perspektiven, um nur einige zu nennen.

Früher war alles besser?

Ich kann es niemanden verdenken, einen anderen Weg als den des Hofnachfolgers einzuschlagen. Die Auswahl seinen Lebensunterhalt zu verdienen ist heute sehr vielfältig. Es sollte jedem selbst überlassen bleiben, diese Entscheidung für sich und sein Leben zu treffen. Im Netz habe ich dazu folgenden Satz gelesen:

Es ist eine der größten Errungenschaften, dass heute niemand mehr Bauer werden muss. Früher haben sich viele ihr Leben lang durch den Beruf gequält, weil man der älteste Sohn war und nichts anderes machen durfte. Heute kann jeder machen, was er will. Es kann auch weiterhin jeder Bäuerin oder Bauer werden. Möglichkeiten gibt es genug. Man muss aber auch nicht.

Auch wir haben drei Kinder und einen Betrieb. Wir haben in den letzten Jahren unseren Betrieb stetig verändert und auch erweitert. Wir tun das nicht für unsere Kinder, sondern für uns, weil uns unsere Arbeit Spaß macht, weil wir lieben, was wir tun. Wir werden es unseren Kindern freistellen – wenn sie (oder einer oder zwei oder alle drei) den Betrieb weiterführen möchten, freuen wir uns sicher darüber, nur wenn nicht, ist das auch okay – wir mögen niemanden zwingen. Wir arbeiten mit Tieren – das muss man wollen und lieben, sonst macht man das nicht gut. Diese Verantwortung haben wir auch gegenüber unseren Tieren.

Zurück zu Joachim Rukwied und dem DBV

Der Bauernverband und Joachim Rukwied bekommen zur Zeit viel Kritik, zum großen Teil auch von Verbandsmitgliedern. Ich für meinen Teil muss ganz ehrlich sagen – ich möchte nicht tauschen. Ich möchte weder diese Verantwortung tragen, noch habe ich ein dickes Fell genug, mir die ständige Kritik aus den eigenen Reihen anzutun.
Nur diese Kritik muss auch ernst genommen werden. Ich persönlich möchte an dieser Stelle auch Kritik üben – ich wünsche mir vom Verband eine bessere Kommunikation nach innen. Ich erwarte, dass es von Verbandsseite eine Stellungnahme zu solchen Reportagen/Artikeln gibt – für uns Mitglieder. Bitte nehmt uns mit, damit wir uns ein Bild machen können, damit wir verstehen, wie solche Dinge zu Stande kommen, damit wir uns nicht von unserem Verband allein gelassen fühlen.
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Nach Meldung wegen Tierschutzvergehen – Aufruf zur Lynchjustiz im Netz

Was ist bloß mit der Welt los?

Das ist eine Frage, die ich mir in letzter Zeit immer häufiger Stelle. Nachdem die Bilder, die das Totschlagen von Saugferkeln zeigen, durchs Netz gingen, kamen auch promt die ersten Hasskommentare. Auch ich verurteile die Art und Weise des Nottötens der „Kollegen“ im Stall aufs Schärfste (siehe meinen Blogpost „Ich habe keine Lust mehr“), nur das gibt niemanden das Recht, zur Lynchjustiz aufzurufen.

Hasskommentare u.a. gegen Landwirte – unser täglich Brot

Der Hass im Netz nimmt immer mehr zu. Mir fällt dieses natürlich vor allem gegen uns Landwirte auf. Wir werden als „Tierquäler“, „Giftspritzer“ und „Umweltverschmutzer“ beschimpft, erhalten Drohmails und Briefe. Nur leider finden solche Hassreden auch regelmäßig auf öffentlichen Seiten der Medien statt. Viele haben auf ihren Seiten eine „Nettiquette“ formuliert, viele moderieren ihre Seiten und greifen auch in Extremfällen ein – nur eben leider nicht alle. Und so habe ich heute morgen auf der Seite der BILD unter einem Beitrag über den Brandenburger Sauenhalter folgenden Kommentar gefunden:

Sollte man mit der Person vor den Kisten auch machen. Gleiches Recht für alle.

Über 800 Likes für das Totschlagen von Menschen

Für diesen Kommentar hat der Schreiberling (bis heute morgen) alleine über 800 „gefällt mir“ und Herzchen erhalten. Keine Frage, es ist absolut schlimm, was dort mit den Ferkeln gemacht wurde. Aber solche Kommentare und die allgemeine Zustimmung schockieren mich sehr. Dieser Kommentar findet sich auf der offiziellen Facebook Seite von BILD. Auch BILD hat dort in seinem Impressum eine „Nettiquette“ für die Facebook-Seite formuliert. Dort ist folgendes zu lesen:

Damit sich aber jeder auf der BILD-Facebook-Seite wohlfühlt, gelten auch hier bestimmte Umgangsformen. Nur gegenseitiger Respekt und Höflichkeit sorgen für eine rege Diskussion.

und weiter:

Leser-Kommentare werden gelöscht, wenn ihr Inhalt rechtswidrig ist, grob anstößig, pornografisch oder sexuell, jugendgefährdend, extremistisch, Gewalt verherrlichend oder verharmlosend, den Krieg verherrlichend, für eine terroristische oder extremistische politische Vereinigung werbend oder zu einer Straftat auffordernd. Ebenso werden Kommentare entfernt, die ehrverletzende Äußerungen, sonstige strafbare Inhalte, Werbung oder gewerbliche Inhalte enthalten.

Soweit so gut – nur hat BILD sich zu diesem Kommentar geäußert?

– Nein, im laufenden Tweet bieten sich dann Menschen zum Mitmachen an, BILD löscht es nicht, kommentiert das nicht und greift hier auch nicht moderierend ein. Ich bin absolut fassungslos.

Unterstützt BILD Aufruf zur Lynchjustiz?

Zumindest sieht BILD keine Notwendigkeit zum Handeln. Allerdings ist Lynchjustiz streng verboten, so dass dieser Kommentar definitiv gegen die Nettiquette verstößt.

Exkurs: Was ist Lynchjustiz? In einem Rechtsstaat ist Lynchjustiz streng verboten. Über die Frage, wie eine Straftat beurteilt wird, entscheidet alleine ein Gerichtsverfahren. Dort wird auch festgelegt, ob und wie der Angeklagte bestraft wird. Denn es kann immer sein, dass Dinge, die scheinbar ganz klar und eindeutig sind, bei näherer Betrachtung ganz anders aussehen. Und das ist auch gut so – wie das ansonsten enden kann, haben wir neulich gerade bei einem Fall in Bremen gesehen (Lynchjustiz in Bremen).

Ein Einzelfall?

Leider ist das kein Einzelfall. Ein anonymes (Fake-)Profil in sozialen Netzwerken ist schnell angelegt. Und damit kann man dann schreiben, was man möchte – ist ja schließlich anonym und selbst bei Hasskommentaren drohen letztlich keine Konsequenzen. Diese Hassreden sind im Netz ein fast alltägliches Phänomen.  Immer wieder wird massiv im Netz auf öffentlichen Seiten gegen uns Landwirte gehetzt – wir werden beleidigt, beschimpft, bedroht. Und auch der Aufruf zu Gewalttaten ist leider nicht selten. Neben dem, dass die Betreiber der Seiten nicht reagieren, ist auch eine Meldung bei Facebook selber häufig ohne Erfolg. Laut einer Studie ist für viele Hass-Kommentare im Internet eine verschwindend kleine Minderheit der Nutzer verantwortlich. Dennoch ist es frustrierend und beschämend, wie diese Menschen im Netz so agieren. Nur was mich an diesem Beispiel wirklich schockiert ist die breite Zustimmung der Mitleser – denn über 800 „gefällt mir“ auf einem Kommentar ist schon wirklich eine Menge.

Was ich mir wünsche…

Liebe Redaktionen und Seitenbetreiber – wir müssen dringend einen Weg finden, dieses Phänomen, das sich im Netz breitmacht, in den Griff zu bekommen. Denn wenn sich im Netz nur die Lauten und Aggressiven durchsetzen, drängen diese alle anderen zurück – auch wenn diese (hoffentlich noch) in der Mehrheit sind. Bitte nehmt Eure eigene „Nettiquette“ ernst und begegnet den Hatern – seid konsequent. Denn nur so machen Diskussionen in den sozialen Medien Spaß – meinetwegen hart in der Sache, aber bitte freundlich im Umgangston.

…auch von den Landwirten

Liebe Kollegen, auch Ihr seid hier gefordert. Denn ein weiteres Phänomen ist, dass sich viele von diesen Hasskommentaren provozieren, anstecken und mitreißen lassen.

 Gewalt erzeugt Gegengewalt

Bitte nehmt Euch auch zurück – wenn Ihr Euch provoziert fühlt, entzieht Euch der Diskussion. Füttert keine Trolle – versucht Euch im Griff zu behalten. Lasst uns mit einer guten Diskussionskultur und fachlicher Untermauerung punkten. Denkt immer an die stillen Mitleser – die überzeugt Ihr nämlich nur so. DANKE!