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Tierwohl – oder wenn die Politik ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommt

Das Geschrei ist riesen groß. Alle wollen mehr Tierwohl. Für mich gibt es mittlerweile neben dem Wort „Glyphosat“, was für die Inkarnation des Bösen steht, kein anderes Wort, was mittlerweile so inhaltsleer ist wie das Wort „Tierwohl“. Kurz gesagt, ich kann es echt nicht mehr hören. Nur nachdem sich der Lebensmitteleinzelhandel und auch die Landwirtschaft über die Initiative Tierwohl sehr intensiv mit dem Thema beschäftigt hat, muss jetzt die Politik natürlich nachziehen.

Die staatliche Tierwohlkennzeichnung für Schweine

Derweil präsentiert Frau Klöckner die Kriterien für eine staatliche Tierwohlkennzeichnung. Diese Tierwohlgeschichte soll auf freiwilliger Basis erfolgen, laut BMEL. Das sieht die SPD jedoch vollkommen anders:

Wir werden uns weiterhin dafür einsetzen, dass aus der Freiwilligkeit ein verpflichtendes Tierwohllabel wird. Zudem sollten sich die Kriterien deutlicher von dem gesetzlichen Standard abgrenzen.

Liebe Politik, bitte macht Eure Hausaufgaben!

Ich finde es mehr als gewöhnungsbedürftig, was da gerade in Berlin geschieht. Letztlich verfehlen unsere Politiker da vollkommen ihren Job. Das Ministerium ist ein Teil unserer Regierung. Sie bildet die Schnittstelle zwischen Legislative und Exekutive. Und auch die liebe SPD sitzt in unserer Regierung.

Ich frage mich, warum muss sich hier die Regierung in den Markt einmischen – das ist nicht deren Aufgabe. Währenddessen lassen sie wichtige Arbeiten, die uns maßgeblich betreffen, einfach mal ruhen.  Seit Jahren warten wir auf eine Anpassung der Tierschutznutztierhaltungsverordnung, die uns dann verlässliche Rahmenbedingungen bringen soll. Wie wäre es, wenn sich darum mal gekümmert wird?

Ein staatliches Tierwohllabel, was über unsere gesetzlich vorgeschriebenen Mindeststandards hinausgeht, ist für mich eine absolute Verfehlung. Was möchte uns die Politik damit sagen? Dass sie ihre eigenen gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht gut finden? Ich bin fassungslos. Und Herr Spiering, Ihre Aussage ist noch das I-Tüpfelchen – wir brauchen also ein verpflichtendes Tierwohllabel, was sich deutlich vom gesetzlichen Standard abgrenzt? Merken Sie eigentlich nicht, dass diese Aussage ein absolutes Armutszeugnis Ihrer eigenen Politik ist? Sie sollten sich schämen! Willkommen in Absurdistan!

Liebe Politik, wie wäre es zur Abwechslung mal wieder mit der Wahrnehmung Ihrer politischen Aufgaben?

Ich weiß, es ist schöner, sich lächelnd vor die Kameras zu stellen, und irgendwelche Kampagnen, Tierwohlkennzeichnungen usw. zu (re)präsentieren als sich in die vier Wände zu verziehen und stattdessen politisch zu arbeiten. Wir warten nun schon seit Jahren auf die neue TierschutznutztierhaltungsVO. Wir brauchen keine staatliche Tierwohlkennzeichnung sondern verlässliche gesetzliche Rahmenbedingungen, so dass wir endlich mal ein stückweit Planungssicherheit bekommen. Diese gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, das ist Ihre Aufgabe. Bitte kümmern Sie sich endlich darum!

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Unangekündigtes Audit für die Initiative Tierwohl

Gestern war Mittwoch, dass heißt Absetztag. Wir fangen pünktlich um sechs Uhr an: füttern, Kot schieben, Wasser geben, Ferkel versorgen, usw. – halt alles, was wir jeden morgen machen. Und dann ist heute noch Absetzen: nach der ersten Versorgung der Tiere heißt es zunächst alle 60 Sauen der Absetzgruppe aus dem Abferkelstall holen und ins Deckzentrum bringen.

Danach werden die Ferkel aus den Buchten geholt und zunächst auf dem Zentralgang „geparkt“. Sie werden nun nach Geschlecht sortiert. Beim Einsetzen der Ohrmarken ziehen wir den kleinen Sauen die Ohrmarke in das rechte Ohr ein, und die kleinen Eber bekommen ihre Ohrmarke links. Jetzt beim Absetzen können wir so schnell die Ferkel sortieren: die Eber mit der Kennzeichnung im linken Ohr werden rausgefangen, die kleinen Sauen in die nächste Bucht getrieben. Damit das Ganze einigermaßen zügig geht, sind bei uns alle beim Absetzen mit eingebunden.

Es klingelt am Tor

Und dann klingelt es plötzlich am Tor: „Ich komme von der Firma SGS und möchte einmal die Anforderungen der Initiative Tierwohl bei Ihnen prüfen.“ Na prima, das hat uns ja heute noch gerade gefehlt…

Schöner wäre es natürlich gewesen, wenn er in zwei Stunden wiedergekommen wäre, weil dann schon die Ferkel vom Zentralgang verschwunden und im Ferkelstall gewesen wären, und wir auch schon das Frühstück fertig gehabt hätten. Nur unangekündigt heißt halt auch unangekündigt.

In unsere Teilnahmeerklärung haben wir unterschrieben, dass wir jederzeit angemeldete und unangemeldete Audits durch die von der Trägergesellschaft zugelassenen
Zertifizierungsstellen, Mitarbeiter der Trägergesellschaft oder von der Trägergesellschaft beauftragte Personen auf meinem Betrieb zulassen und die erforderlichen Prüfungen sowie Einsicht in die erforderlichen Dokumente gewähren.

Das Audit

Nach dem Reinduschen (ja, auch der Auditor muss bei uns „schweinefrei“ sein und duschen) geht’s in den Stall. Wir gehen mit ihm alle Teile des Stalles durch – er schaut sich unsere Tiere und unseren Stall an: der Auditor achtet auf die Tiergesundheit, die Tränken, die Belegdichte, die Aufstallung und natürlich auf die Einhaltung der angegebenen Tierwohlkriterien.

Wir haben für unseren Betrieb in der aktuellen Tierwohlrunde folgende Kriterien ausgewählt:

  • 10% mehr Platzangebot in der Gruppenhaltung als Pflichtanforderung
  • ständiger Zugang zu Raufutter in der Gruppenhaltung
  • Bereitstellung von organischem Nestbaumaterial
  • Scheuermöglichkeiten in der Gruppenhaltung
  • Saufen aus der offenen Tränke in der Gruppenhaltung und im Abferkelbereich

Für diese Zusatzleistungen bekommen wir 2,80€ pro abgesetztem Ferkel. Das ist durchaus viel Geld, jedoch wurde diese Leistung in diesem Jahr gekürzt, beziehungsweise wurden die Kriterien angepasst. Letztlich gibt es nun eine geringere Auswahl an Wahlkriterien und der maximale Beitrag pro Ferkel wurde somit auch begrenzt.

In der ersten Tierwohlrunde konnten wir noch mehr Wahlkriterien angeben und haben diese auch vergütet bekommen:

  • zusätzliches organisches Beschäftigungsmaterial
  • vierwöchige Säugezeit
  • Wühlerde für die Ferkel in der Abferkelbucht

Nun war für uns die Frage, was machen wir nach der Beendigung der ersten Runde? Streichen wir unseren Tieren die Tierwohlkriterien, die wir nun nicht mehr bezahlt bekommen?

Tierwohl für unsere Tiere, nicht ausschließlich für die ITW

Wir haben uns natürlich dafür entschieden, unseren Tieren weiterhin diese Dinge zur Verfügung zu stellen. Denn auch in der jetzigen Phase bekommen wir nicht alles bezahlt – die 2,80€ sind mit den ersten beiden der oben genannten Kriterien schon erreicht. Für die zusätzlichen Kriterien würden wir „eigentlich“ noch 0,30€ mehr bekommen – und in der ersten Runde bekamen wir noch über 5,-€ pro Ferkel. Dennoch halten wir an unseren „Wahlkriterien“ fest. Denn wir haben diese Dinge schon vor der Initiative Tierwohl für unsere Tiere gemacht und gesehen, dass es einen wirklichen Mehrwert für die Tiere bringt. Uns ist es wichtig, dass es unseren Tieren gut geht.

Wir finden es gut, dass es die Initiative Tierwohl gibt, und dass es über diesen Weg eine finanzielle Entschädigung für ein Mehr an Tierwohl gibt. Ich muss jedoch ganz ehrlich gestehen, dass ich es traurig finde, dass nun in der zweiten Runde diese Gelder pro Betrieb schon wieder gekürzt wurden – denn so standen auch andere Tierhalter vor der Entscheidung, die nicht finanziell ausgeglichenen Tierwohlkriterien weiter umzusetzen oder wieder einzustellen – und bei der derzeitigen finanziellen Lage der Ferkelerzeuger kann ich jeden verstehen, der sich dafür entschieden hat, das wieder zurückzufahren.

Und letzten Endes ist es auch hier wieder so, dass die Landwirte, die wie wir da weiter dran festhalten, auf den Mehrkosten für ein Mehr an Tierwohl sitzen bleiben, da eben offensichtlich niemand bereit ist, dieses auf Dauer zu bezahlen.

Unangekündigtes Audit – noch schnell alles in Ordnung bringen?

Lasst mich noch schnell ein paar Dinge zum Audit an sich sagen. Es wird häufig den Tierhaltern/Behörden/Kontrollinstanzen vorgeworfen, dass solche Audits/Überprüfungen immer angekündigt stattfinden. Ihr seht, das ist mit Nichten der Fall. Und trotz dessen, dass unser Prüfer zunächst durch die Dusche musste, ist es für uns nicht möglich, all diese Anforderungen noch schnell in 5 Minuten zu erfüllen – soll heißen: wir arbeiten so, dass wir diese Kriterien zu jeder Zeit erfüllen können. Wir schaffen es nun mal bei bestem Willen nicht, innerhalb von ein paar Minuten, den kompletten Betrieb einmal auf „links zu ziehen“. Deswegen ist es für mich so wichtig, dass wir Kriterien für uns ausgewählt haben, die wir auch „leben“, d.h. wo wir wissen, dass sie ein Mehr an Tierwohl für unsere Tiere darstellen, und wir sie deswegen auch gerne erfüllen.

Dennoch ist es auch so, dass solche „Spotaudits“ manchmal wirklich nerven – denn auch wir sitzen nicht den ganzen Tag im Stall rum und warten darauf, dass ein Prüfer für ein Audit zu uns kommt. Und es gibt halt Tage wie heute, wenn Absetztag ist, wo das echt doof ist. Nur hier ist auch noch ein großer Unterschied, was für ein Audit/eine Überprüfung stattfindet. Das heutige Tierwohlaudit war zeitlich recht schnell erledigt – wenn jedoch eine Überprüfung mal schnell ein paar Stunden in Anspruch nimmt, ist es einfach schöner, wenn dieser Termin abgesprochen bzw. angekündigt ist. Und dabei geht es nicht darum, dass wir diese Zeit brauchen, um unseren Stall in Ordnung zu bringen, sondern dass dann die Zeit einfach da ist, die eine solche Kontrolle in Anspruch nimmt, ohne dass die Versorgung unserer Tiere darunter leidet.

Fazit

Lange Rede, kurzer Sinn: wir haben das Audit bestanden.