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Hormone im Fleisch? Vollkommen normal.

Es gibt noch eine Alternative zur Kastration: Hormone zu spritzen, damit die Geschlechtsreife des Ebers hinausgezögert wird bis das Tier zum Schlachter kommt, also bevor es durch die Geschlechtsreife anfängt, unangenehm zu riechen, was den Fleischgenuss zerstört. Aber wollen wir hormonbehandeltes Fleisch?

So wird der Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes Werner Schwarz von der Rheinischen Post zitiert. Ja, der Termin zum Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration rückt näher, und der Ton verschärft sich.

Facts not fear – hier die Fakten:

  • Improvac® besitzt keinerlei hormonelle Wirkung.

  • Improvac® hinterlässt im Fleisch keinerlei Rückstände.

  • Fleisch enthält natürlicherweise immer Hormone.

Bedauerlich, dass hier Werner Schwarz stellvertretend für den Deutschen Bauernverband nicht mit Fakten argumentieren kann, sondern versucht mit der Verbreitung von Angst zu punkten.

„Hormone spritzen“ – es geht um Improvac, sprich um eine immunologische Kastration.

Was bedeutet „Immunokastration“?

Bei der Immunokastration wird den Tieren zweimal eine Art Impfstoff (Improvac®) gespritzt. Improvac® ist pharmakologisch gesehen kein richtiger Impfstoff, sondern ein „immunologisches Präparat“. Dieses Präparat wirkt jedoch wie ein Impfstoff.

Improvac® ist kein Hormon

Improvac® enthält ein synthetisches Analogon eines natürlichen Hormons (GnRF). Dieses Analogon ist an ein Trägerprotein gebunden und bildet mit diesem zusammen das Antigen. Dieses Antigen stimuliert die Bildung von GnRF-neutralisierenden Antikörpern. So werden letztlich die Hormone, die für den unangenehmen Geruch/Geschmack bei Eberfleisch verantwortlich sind, nicht gebildet.

Quelle: DLG e.V. – Eberfleisch Teil 1 – Basiswissen

Tierschützer und NGO’s sehen diesen Weg neben der Ebermast als den Königsweg an. Und auch die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (kurz TVT) fordert die Immunokastration, weil die Schweine dabei unversehrt bleiben. Nur der Deutsche Bauernverband lehnt die vermutlich tierschonenste Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration ab.

Weltweit sind immunokastrierte Tiere seit Jahren im Handel. In Belgien, Australien oder Südamerika wird bereits in relevanten Größenordnungen geimpft. Brasilien und Australien exportieren erfolgreich immunokastrierte Tiere, auch beispielsweise nach China.

In Deutschland liegt ebenso seit Jahren Fleisch von immunokastrierten Tieren in den Kühltheken – denn Belgien ist der Vorreiter der Immunokastration und exportiert einen großen Teil seines Fleisches an uns.

Fleisch enthält immer Hormone – auch beim Menschen

Hormone sind natürliche Botenstoffe und sowohl in unserem Körper als auch in nahezu allen Nahrungsmitteln vorhanden. Eine Quelle für hormonell wirksame Substanzen stellen zum Beispiel Schimmelpilze (Zearalenon) dar, die von bestimmten Pilzen gebildet werden und Getreidearten wie Mais, Weizen und Gerste befallen können. Der Einsatz von Hormonen als Wachstumsförderer in der Tiermast ist seit 1988 EU-weit verboten.

Mein Fazit

Veränderungen scheinen vom Bauernverband nicht gewollt. Seit Jahren wird der Termin zum Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration nun ausgesessen. Kurz gesagt – es werden alle möglichen Lösungen negiert:

  1. Ebermast ist nicht flächendeckend umsetzbar
  2. Kastration unter Betäubung ist finanziell nicht darstellbar
  3. Immunokastration lehnt der Verbraucher ab aus Angst vor „Hormonfleisch“

Auch QS beweist angeblich in einer Studie, dass die Immunokastration das größte Skandalpotential hat. Und jetzt, fünf Monate vor Ablauf der Frist, bleibt dieser vorhergesagte mediale Skandal einfach aus – und noch schlimmer – Tierschutzvereine, einige Bioverbände und NGO’s sprechen sich für die Immunokastration aus. Und auch eher kritische Medien wie der Spiegel berichten positiv über die Immunokastration.

So, was bleibt – man inszeniert den Skandal einfach selber und zerstört damit vorsätzlich eine der besten (weil tierschonenste) Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration – um auf eine Alternative zu setzen, die es bislang schlichtweg nicht gibt.

Ich bin maßlos enttäuscht. Ich wünsche mir einen Verband, der nach vorne blickt, der die Zukunft gestalten möchte, der offen ist und auch bereit für Veränderungen. Letztlich disqualifiziert sich der Bauernverband hier als Gesprächspartner in Sachen betäubungsloser Ferkelkastration – und das finde ich wirklich traurig.

Weitere Informationen:

Zulassung Improvac

BfR – Fragen und Antworten zum Thema Hormone in Fleisch und Milch

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Mit Volldampf voraus – die Wand wartet schon

Mit Volldampf voraus – die Wand wartet schon

titelt heute Thomas Wengenroth bei Stallbesuch
Mit Volldampf voraus – die Wand wartet schon

Wer alternativlos die Einführung des 4. Weges in der Ferkelkastration und, seit Neuestem, eine Fristverlängerung für die betäubungslose Kastration um fünf Jahre fordert, bewegt sich mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung Wand.

Unabhängig forschende Tierärzte sprechen sich gegen den 4. Weg aus, die TVT z. B. schreibt „Injektionen mit der nötigen Genauigkeit tierschonend und wirksam in praxisrelevanter Zeit durchzuführen ist unmöglich.“ Auch die korrekte Dosierung von Betäubungs- und Schmerzmitteln bei fünf Tage alten Ferkeln, stellt – selbst für Tierärzte – eine Herausforderung dar.

Der Deutsche Tierschutzbund bezieht klar Stellung gegen die Methode und ein gemeinsames Positionspapier von Albert Schweitzer Stufung, Vier Pfoten, ProVieh, bmt und Bundesverband Tierschutz listet für diese Variante ausschließlich Nachteile auf (für alle anderen werden dagegen auch Vorteile benannt).

Was also ab dem 1. Januar 2019 passiert, muss jedem heute schon klar sein: Wird der 4. Weg politisch durchgedrückt, bricht ein Shitstorm los. Wird die Frist um fünf Jahre verlängert, passiert genau das Gleiche. Die entsprechenden Presse-Verlautbarungen sind ja fertig und das Datum ist schnell geändert.

Fünf Jahre „Vorwarnzeit“ blieben ungenutzt. Kreative Konzepte wurden nicht mal angedacht, von Anfang an gab es nur stures Beharren, auf einer einzigen Forderung. Das macht nicht gerade Hoffnung für die Zukunft.

Bis vor kurzem war weiten Teilen der Bevölkerung nicht bewusst, dass Eber routinemäßig kastriert werden. Das hat sich geändert. Deswegen sollte sich auch niemand wundern, wenn die nächsten Themen ruck-zuck zu einem einzigen Paket verschnürt werden. Dann gibt es fünf Jahre Frist für Ringelschwanz und Kastenstand. Und im Ergebnis gar keine Schweinehaltung mehr in Deutschland.

PS: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt und vielleicht werden ja die nächsten fünf Jahre besser genutzt. Etwa dafür QS die Hölle heiß zu machen, wenn sie ohne weiteres Ferkel akzeptieren, die im Ausland auf eine Weise kastriert wurden, die in Deutschland verboten ist. Oder dafür “4 x D” bekannt zu machen, damit Verbraucher für Tierschutz-Standards hierzulande sensibilisiert werden.

Vielen Dank, lieber Thomas, für diese nüchterne Betrachtung.

 

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Quo vadis – Ferkelkastration

Ab 01.01.2019 dürfen nach heutigem Stand keine Ferkel mehr betäubungslos kastriert werden. Diese Tatsache beschäftigt nun schon eine geraume Zeit die gesamte Branche – nur offensichtlich hat niemand bislang eine flächendeckende Lösung im Angebot – und die Zeit rennt, bis zum 01.01.2019 sind es knapp fünf Monate. Für mich ist vor allem interessant, welchen Weg unsere Abnehmer, sprich die Schlachtunternehmen bzw. der Lebensmitteleinzelhandel, präferieren.

Offener Brief

Um das herauszufinden schrieb ich vor gut zwei Monaten einen offenen Brief an die jeweils „Big Five“ der Schlachtunternehmen (Tönnies, VION, Danish Crown, Westfleisch und Müller) und des LEH (REWE, EDEKA, ALDI, LIDL und Metro Group). Innerhalb der letzten Wochen antworteten mir zumindest von fünf der zehn angeschriebenen Unternehmen.

Die Schlachthöfe

Danish Crown scheint überhaupt kein Problem zu sehen. Im Antwortschreiben heißt es:

In Dänemark haben wir die notwendigen Beschlüsse getroffen, indem eine freiwillige Branchenabsprache um Betäubung und Schmerzlinderung von Eberferkeln in Verbindung mit der Kastration per 01.01.2019 mit den Erzeugern getroffen ist. Eine Kontrolle wird durch Danish Produktiostandard/QS gemacht.

Soweit – so gut, nur was sie von uns Lieferanten erwarten, bleibt offen. Kein Wort darüber, ob aus Sicht von Danish Crown auch Jungeber oder immunokastrierte Tiere angenommen werden.

Die Vion Food Group ist hier wesentlich konkreter – sie schreiben, dass alle ihre Kunden im In- und Ausland deutlich gemacht haben, dass sie die Immunokastration ablehnen. So bleibt für die Erzeuger die Kastration unter Betäubung oder die Jungebermast. Bei der Jungebermast sei allerdings der Markt gesättigt. Aus diesen Gründen setzt sich VION für den 4. Weg ein, der die lokale Betäubung in der Hand des Landwirtes ermöglicht.

Auch die Westfleisch befürwortet den sogenannten „4. Weg“ und ist einer der Unterzeichner der „Herriedener Erklärung“ Mitte März 2017. Allerdings sieht die Westfleisch das vom Gesetzgeber angestrebte Ziel, zum 01.01.2019 aus der betäubungslosen Ferkelkastration auszusteigen, skeptisch. So setzt sich die Westfleisch für eine Fristverlängerung über den 01.01.2019 hinaus ein.

Leider habe ich bislang keine Antwort von den anderen beiden Unternehmen erhalten (oder sie sind nicht bei mir eingegangen – dann bitte gerne noch einmal per Mail an mich senden).

Der Lebensmitteleinzelhandel

Auch zwei Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels haben mir geantwortet. Als erstes die REWE GROUP. REWE schreibt, dass sie sich schon seit Anfang 2017 intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. Das kann ich bestätigen, Herr Ludger Breloh hat bereits 2016 auf dem Bauerntag des Deutschen Bauernverbandes in Hannover klar Stellung bezogen:

Improvac sei der „goldene Weg“, sagte Ludger Breloh von der Handelskette Rewe kürzlich auf einer Fachveranstaltung auf dem Deutschen Bauerntag, „auch wenn sich Schweinebauern dagegen wehren“.  (Quelle FAZ)

REWE hat sich seit dem 01.01.2017 das Ziel gesetzt, nur noch Frischfleisch zu vermarkten, das von nicht betäubungslos kastrierten Schweinen stammt. Seitdem akzeptiert REWE alle drei in Deutschland gesetzlich erlaubten Verfahren. Weiter heißt es im Schreiben:

Tiergesundheit und Tierwohl müssen hierbei stets im Fokus stehen. Die Immunokastration ist in diesem Zusammenhang die Alternative, bei der das Tier den geringsten Störungen ausgesetzt ist.

Aber auch das Thema Lokalsnästhesie, welches momentan diskutiert wird, kann zukünftig eine Option sein.

Auch die Schwarz Gruppe (Lidl und Kaufland) hat mir geschrieben. Auch die Schwarz Gruppe unterstützt den Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration. Sie setzt auf Jungebermast und Kastration unter Betäubung:

Entsprechend den Erwartungen unserer Kunden führen Lidl und Kaufland frisches Schweinefleisch nach QS-Standard. Dieser stellt sicher, dass alle vermarkteten Ferkel unter den ab 01.01.2019 zugelassenen alternativen Verfahren zur Ferkelkastration aufgezogen werden.

Hier bleibt die Frage, was die Schwarz Gruppe bei einer Fristverlängerung macht – möchte sie dann dennoch ausschließlich unter Betäubung kastrierte Tiere vermarkten? Gilt dann die Vorgabe von QS, die z.B. dänischen Ferkeln, die nach Maßgabe des 4. Weges, der zur Zeit in Deutschland noch kein anerkanntes Verfahren darstellt, kastriert werden, hier einen klaren Wettbewerbsvorteil einräumen? Ich werde das noch einmal hinterfragen. Merkwürdig finde ich allerdings, dass Lidl nach Aussage des NDR „bereits seit Anfang 2015 nur noch Frischfleisch von „nicht kastrierten Schweinen“ – also von Sauen und Ebern“ akzeptiert. Hier ist die an mich gerichtete Antwort der Schwarz-Gruppe doch etwas widersprüchlich.

Und die anderen?

Die anderen Unternehmen haben wie gesagt bislang nicht geantwortet. Tönnies finden wir jedoch ebenfalls als Unterzeichner auf der „Herriedener Erklärung“.

ALDI Süd hatte angekündigt, mir zu antworten – ich warte gerne:

wir melden uns so schnell wie möglich bei Ihnen. Haben Sie bitte noch etwas Geduld.

Von der Metro Gruppe und EDEKA habe ich leider gar keine Rückmeldung bekommen. Jedoch bin ich hinsichtlich EDEKA Südwest im Internet fündig geworden. EDEKA Südwest hat ein Programm, welches sich „Gutfleisch“ nennt. Hier heißt es im Kriterienkatalog Dachmarke Gutfleisch:

Ziel: Verzicht auf die betäubungslose Kastration ab 01.07.2018.

Erlaubt sind alle bis dahin gesetzlich zugelassenen Alternativen (Jungebermast, Immunokastration, Kastration unter Betäubung). Betriebe, die bereits ab 01.07.2018 alternative Methoden zur betäubungslosen Kastration per Nachweis anwenden, erhalten bis 31.12.2018 von EDEKA Südwest Fleisch eine Kostenerstattung nach unten stehender Liste:

– Für Immunokastration: 4 € / Mastschwein

– Für Kastration unter Betäubung: 3,13 € / Ferkel (bei Vollnarkose)

Demnach gehe ich davon aus, dass EDEKA Südwest neben der Jungebermast und der Kastration unter Betäubung auch durchaus die Immunokastration als einen Weg sieht.

Nach Recherche von Oda Lambrecht (NDR) setzt sich ALDI für die Ebermast ein und soll bereits seit Anfang 2017 kein Frischfleisch mehr von kastrierten Ferkeln handeln.

Mein Fazit

Kurz gesagt, ich bin nicht schlauer als vorher. Es ist ein Spiel auf dem Rücken der deutschen Ferkelerzeuger. Die Schlachtunternehmen und die Vermarkter schieben sich schön gegenseitig den schwarzen Peter zu, nur leider bekennt niemand wirklich Farbe. Zudem stellt sich mir auch die Frage, wie die Vermarkter einkaufen bzw. wie hier eine Nämlichkeit garantiert wird. Da zum Beispiel REWE bereits seit 01.01.2017 im Bereich Frischfleisch kein Fleisch mehr von betäubungslos kastrierten Tieren vermarktet, bleibt die Frage, wie dort die Gewährleistung aussieht?

  1. nehmen sie nur Fleisch von weiblichen Tieren in ihr Frischfleisch-Programm?
  2. oder zusätzlich nur Tiere aus der Jungebermast?
  3. oder haben sie Vertragsmäster, die Improvac (= Immunokastration) einsetzen? (die dann allerdings offensichtlich nicht von der VION Group geschlachtet werden)
  4. oder erfolgt eine Kontrolle der Ferkelerzeuger (und wenn ja, wie?), die unter Betäubung kastrieren?

Wenn ALDI und Lidl ausschließlich Jungeber in der Frischfleischvermarktung haben und für sowohl REWE als auch EDEKA die Immunokastration ein Weg ist, dann verstehe ich die Schlachtunternehmen und die Verbände nicht. Denn damit wären wir dem Ziel der bereits im September 2008 gezeichneten Düsseldorfer Erklärung schon ein großes Stück näher gekommen. Denn darin heißt es:

Um neben dem Verbraucherschutz auch den Tierschutz zu gewährleisten, wird vereinbart, die Entwicklung eines alternativen Verfahrens zur traditionellen Kastrationsmethode, das in Deutschland flächendeckend angewendet werden kann, zu beschleunigen. (…) Ziel ist es, unter Ausschluss jeglicher Risiken für die Verbraucher und die Tiere auf die Kastration gänzlich verzichten zu können.

Nur meine Befürchtung ist, dass mit Forderung des vierten Weges der Tierschutz vollkommen aus den Augen verloren wird. Das ist traurig und bringt keinerlei Verbesserung für die Ferkel.

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Was ist da eigentlich los? Einige kurze Erläuterungen zum gestrigen offenen Brief…

Drei Alternativen und ein 4. Weg?

Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration

Stichtag 01.01.2019

In Deutschland werden bislang die meisten männlichen Ferkel betäubungslos kastriert. Dieses geschieht, damit das Fleisch der Tiere später nicht unangenehm riecht, wenn man es brät. Ab 1.1.2019 soll nun der Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration vollzogen werden – ab dann gilt in Deutschland das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration.

Der Landwirt würde lieber heute als morgen auf das Kastrieren der männlichen Ferkel verzichten. Es ist eine unschöne Arbeit, die niemand gern macht.

Zur Zeit gibt es drei Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration:

  1. Ebermast – man mästet die Tiere einfach als Eber.
  2. eine so genannte „Immunokastration“ – den Tieren wird zweimal eine Art Impfstoff gespritzt. Dieses Präparat wirkt an den Rezeptoren, so dass letztlich die Hormone, die für diesen unangenehmen Geruch/Geschmack verantwortlich sind, nicht gebildet werden.
  3. Kastration unter Vollnarkose – hierzu muss nach jetziger Gesetzeslage der Tierarzt die Tiere betäuben.

Diese drei Verfahren sind alle zum jetzigen Standpunkt zugelassen und dadurch sofort „einsatzfähig“. In der momentanen Diskussion ist noch ein „vierter Weg“ – die Lokalanästhesie. Hier wird ein Lokalanästhetikum vor der Kastration in den Samenstrang und unter die Haut injiziert. Dieser Weg wird v.a. von den landwirtschaftlichen Verbänden propagiert. Er ist jedoch bislang weder zugelassen noch existiert eine Ausnahmeregelung, dass der Landwirt diese Lokalanästhesie durchführen darf.

Alle Verfahren haben Vor- und Nachteile

Welche Alternative ist nun die Beste? Das ist eine gute Frage, die abschließend nicht beantwortet werden kann. Jede Alternative hat ihre Vor- und Nachteile:

  1. Ebermast – Die Ebermast wäre der einfachste Weg, die betäubungslose Ferkelkastration zu umgehen. Die Tiere werden einfach nicht mehr kastriert und als Volleber gemästet. In anderen Ländern ist dies ein gängiger Weg, wahlweise wie bei uns bis 120kg Lebendgewicht oder schon mit etwa 85kg Lebendgewicht geschlachtet. In vielen Betrieben funktioniert die Ebermast ohne Komplikationen. Andere Betriebe berichten allerdings von Kämpfen und teilweise schwere Verletzungen in der Endmast sowie während des Transports zum Schlachthof. In gemischt-geschlechtlichen Gruppen sind die Tiere weniger aggressiv. Hier besteht jedoch die Gefahr, dass trächtige Sauen geschlachtet werden. Eine weitere Herausforderung ist die Fettqualität. Diese ist bei Ebern anders als bei Kastraten, so dass die Fleischerinnung diesen Weg ablehnt. Eberfett wird schneller ranzig als Fett von Sauen bzw. Kastraten. Deswegen eignet sich Eberfleisch z. B. nicht zur Herstellung von Salami oder rohem Schinken. Außerdem gibt es immer noch kein standardisiertes Nachweisverfahren für Ebergeruch, was die Vermarktung insgesamt erschwert. Eine Möglichkeit wäre, wie es auch in anderen Ländern schon praktiziert wird, die Eber leichter zu schlachten. Kommen weibliche und männliche Tiere mit unterschiedlichen Körpergewichten am Schlachthof an, sind, wegen des Größenunterschiedes, zwei getrennte Schlachtbänder nötig. Die Schlachtkosten bleiben zudem gleich, jedoch bei geringerem Schlachtgewicht, so dass sich die Schlachtkosten pro kg Schlachtgewicht erhöhen.
  2. Immunokastration – Bei der Immunokastration wird den Tieren zweimal eine Art Impfstoff (Improvac®) gespritzt. Dieses Präparat wirkt an den Rezeptoren, so dass letztlich die Hormone, die für diesen unangenehmen Geruch/Geschmack verantwortlich sind, nicht gebildet werden. Tierschützer und NGO’s sehen diesen Weg neben der Ebermast als den Königsweg an. Und auch die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (kurz TVT) fordert die Immunokastration, weil die Schweine dabei unversehrt bleiben.Einige Fragen bleiben bei der Immunokastration: wie ist bei diesen Tieren die Fettqualität und wie sieht es mit dem Tierschutz bzw. der Lebensmittelsicherheit aus? Denn einige Schweinehalter, die Improvac® bei ihren Tieren angewendet haben, berichteten von massiven Impfabzessen im Nackenbereich. Weltweit sind immunokastrierte Tiere seit Jahren im Handel. In Belgien, Australien oder Südamerika wird bereits in relevanten Größenordnungen geimpft. Brasilien und Australien exportieren erfolgreich immunokastrierte Tiere, auch beispielsweise nach China. In Deutschland liegt ebenso seit Jahren Fleisch von immunokastrierten Tieren in den Kühltheken. Denn Belgien ist der Vorreiter der Immunokastration und exportiert einen großen Teil seines Fleisches an uns.
  3. Kastration unter Betäubung – Eine weitere Möglichkeit stellt die Kastration nach vorheriger Betäubung dar. Hier gibt es wiederum drei Möglichkeiten:
  • die Injektionsnarkose
  • die Inhalationsnarkose
  • die lokale Anästhesie

Eine Inhalationsnarkose mit Isofluran oder CO² ist rechtlich nicht zulässig. Dadurch dass mit der Injektionsnarkose eine Möglichkeit zur Verfügung steht, existiert auch kein sogenannter „Therapienotstand“, der eine Umwidmung ermöglichen würde. Auch der „vierte Weg“ mittels Lokalanästhesie ist aktuell nicht rechtskonform. Das Tierschutzgesetz fordert eine wirksame Schmerzausschaltung, was mittels Lokalanästhesie nicht gegeben ist. Zudem hat zur Zeit kein Präparat eine Zulassung für die Ferkelkastration. Sowohl die Bundestierärztekammer (kurz BTK) und auch die TVT lehnen die Lokalanästhesie aus den oben genannten Gründen ab. Das Verfahren der Injektionsnarkose ist im Moment der einzige rechtskonforme Weg in Deutschland. Sie verringert nachweislich den Kastrationsschmerz. Die Tiere schlafen allerdings sehr lang nach, kühlen leicht aus und verpassen vor allem mehrere Mahlzeiten, was sowohl für Ferkel, als auch Muttersau eigentlich nicht zu empfehlen ist. Außerdem besteht das Risiko der Ferkelverluste durch die Narkose, und die Wundheilung ist herabgesetzt.

 

Die Zeit läuft – steht ein weiterer Strukturwandel bevor?

Es wird ständig suggeriert, dass die Landwirte sich mit Händen und Füßen gegen ein Verbot der betäubungslosen Kastration wehren. Dem ist in den meisten Fällen nicht so. Der Landwirt würde lieber heute als morgen auf das Kastrieren der männlichen Ferkel verzichten. Es ist eine unschöne Arbeit, die niemand gerne macht.

Viele Schweinehalter sind jedoch reine Ferkelerzeuger, d.h. sie verkaufen ihre Tiere nicht direkt an einen Schlachthof. Sie halten die Ferkel bis etwa 30kg und verkaufen diese dann an einen Mäster.

Die Mäster sind frei, d.h. sie sind von dieser „Neuregelung“ nur am Rande betroffen. Allein bei der Immunokastration bliebe die Arbeit (und vermutlich auch die Kosten) an ihnen hängen.

Nur insgesamt können die reinen Mäster frei entscheiden, welche Ferkel sie kaufen/einstallen. Deutschland bezieht zur Zeit schon etwa 12 Millionen Ferkel aus dem Ausland, Tendenz steigend. Die Grenzen sind offen, d.h. es bleibt jedem Mäster freigestellt, kastrierte Ferkel aus dem europäischen Ausland zu kaufen. Den deutschen Ferkelerzeugern läuft derweil die Zeit davon. Die Sauen der Ferkel, auf die die Neuregelung zutrifft, werden im Spätsommer bzw. zum Herbstanfang belegt. Ein Sauenhalter, der nicht genau weiß, was sein Abnehmer will bzw. der nicht sicher ist, dass er seine Tiere auch verkaufen kann, kann im August/September seine Sauen eigentlich nicht mehr belegen. So könnte der Anfang vom Ende aussehen – der Strukturwandel schreitet voran, und die Schweineproduktion wandert ab.

Blick über die Grenzen

In Europa gibt es bislang keine einheitliche Regelung hinsichtlich der betäubungslosen Ferkelkastration. Nur in Schweden ist seit dem 01.01.2016 die betäubungslose Kastration verboten. Es ist eine Kastration unter Lokalanästhesie mittels dem Wirkstoff „Lidocain“ (hat in Deutschland keine Zulassung für die Indikation) und der Verabreichung eines Schmerzmittels durch den Landwirt selber möglich. Die Niederlande setzt intern auf Ebermast und für den deutschen Ferkelexport auf die CO² Narkose. Diese gilt allerdings in Deutschland nicht als tierschutzgerecht. In Dänemark ist eine Kastration unter Schmerzmitteln mit einer postoperativen Langzeitwirkung vorgeschrieben. Die Dänen planen keine Verschärfung im „Alleingang“ sondern warten auf eine gesamteuropäische Lösung. Seit Januar 2018 dürfen Ferkelerzeuger auf freiwilliger Basis die lokale Betäubung mittels dem Wirkstoff „Procain“ bei der Ferkelkastration durchführen – Voraussetzung dafür ist eine Schulung. Ab 1. Januar 2019 wird diese vom dänischen Qualitätsprogramm DANISH als Anforderung gesetzt.

In einigen EU-Ländern werden traditionell Eber gemästet. Hier wird vielerorts der Ebergeruch in Kauf genommen, oder die Tiere werden leichter geschlachtet. In anderen Ländern der EU wird die Kastration als notwendig angesehen, das heißt es gibt keine weiteren rechtlichen Vorgaben hinsichtlich Schmerzbehandlung oder gar Schmerzausschaltung.

Die deutschen Ferkelerzeuger haben somit ab dem 01.01.2019 einen massiven Wettbewerbsnachteil, wenn in den Ferkelexportländern zum Jahreswechsel keine vergleichbaren Regeln gelten, und sich die Schlachtunternehmen beziehungsweise der Lebensmitteleinzelhandel für einen Weg und einem Mehrwert an 4xD (in Deutschland geboren, aufgezogen, geschlachtet und zerlegt) ausspricht. Denn jedes Verfahren hat seinen Preis. Die Ferkelerzeuger können es sich nicht leisten, auf den Kosten oder gar auf den Ferkeln sitzen zu bleiben.

 

Quellen bzw. weiterführende Links:

http://www.animal-health-online.de/gross/2014/09/19/ebermast-vieles-spricht-fur-die-immunokastration/28433/

https://www.stallbesuch.de/immunokastration-maennlicher-ferkel/

http://www.wir-sind-tierarzt.de/2015/02/vergleich-betaeubung-ferkelkastration/

https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Tier/Tierschutz/Regierungsbericht-Ferkelkastration.pdf?__blob=publicationFile

https://www.tierschutz-tvt.de/index.php?id=50&no_cache=1&download=TVT-Stellungn._Betäubungslose_Kastration_Schwein__Juni_2016_.pdf&did=112

http://www.bundestieraerztekammer.de/index_btk_presse_details.php?X=20170607114358

http://www.wir-sind-tierarzt.de/download/Positionspapier-Lokalanaesthesie-Ferkelkastration.pdf

http://www.wir-sind-tierarzt.de/2016/12/ferkelkastration-wer-macht-was-in-europa/

https://www.bayerischerbauernverband.de/ferkelkastration-andere-laender-sind-weiter?layout=print