Allgemein, Bullerbü, Kommentar, Landwirtschaft, Politik

Wenn Widerstand zur Pflicht wird, was wird dann aus dem Recht?

Jedes größere Projekt, was in Deutschland in die Planungsphase geht, findet binnen kürzester Zeit Gegner. Es werden Probleme konstruiert und somit Ängste geschürt, um auf diesem Wege Mitstreiter und Geld zu akquirieren. Prominente Beispiele sind Stuttgart 21 oder auch ganz aktuell Hambi.

Wie im Großen so im Kleinen

Auch bei vielen geplanten landwirtschaftlichen Projekten finden wir diesen Mechanismus wieder – egal ob Stallneubau oder Biogasanlage, sogar bei traditioneller Weidehaltung wird protestiert:

Sein Ziel: ein komplettes Verbot der Weidehaltung auf dem Grundstück...

Der Lärm durch die Kuhglocken sei unzumutbar, schildert die Richterin die Argumente des Nachbarn. Seine Frau leide deswegen unter Schlaflosigkeit und „depressiven Verstimmungen“. Dazu komme der Gestank des Kuhmists, der Insekten anlocke, die wiederum Krankheiten übertragen, so der Kläger. Überdies habe sein Haus durch die Weide 100000 Euro an Wert verloren. Und nicht zuletzt seien die Glocken ohnehin Tierquälerei, argumentiert der Anwalt.

Aus diesem Grund überlegt sich ein Landwirt eher dreimal, ob er überhaupt in eine Projektplanung einsteigt. Es besteht halt immer die Gefahr, dass eine solche Investition im wahrsten Sinne des Wortes in den Sand gesetzt wird. Denn selbst wenn eine Planung genehmigungsfähig ist, werden durch öffentlichen Druck Planungen zurückgezogen.

Innovationen im Bereich Tier- und Umweltschutz werden verhindert

Die Konsequenzen aus diesem öffentlichen Druck sind, dass alte Stallanlagen länger betrieben und nicht erneuert werden und innovative Stallbausysteme, die eine Verbesserung im Bereich Umwelt- und Tierschutz bieten würden, nicht gebaut werden.

Die Folgen in den Dörfern

In den Dörfern kommt es zu einer Spaltung der Gesellschaft. Auf einmal bilden sich zwei Lager – die einen, die hinter der Familie stehen und ein anderes Lager, die sich gegen das Projekt aussprechen. Die Diskussion über solche Bauprojekte verlässt sehr schnell die Sachebene. Es gibt Fälle, da wird das Ganze auf dem Rücken der Familien und häufig auch der Kinder ausgetragen: die Kinder werden nicht mehr zu Geburtstagen eingeladen, die Familie wird beim Dorffest gemieden.

Ist jedes Mittel recht?

Ein aktueller Fall aus Hessen zeigt wie weit einige bereit sind zu gehen. Ein Landwirt stellt einen Bauantrag für einen Hähnchenmaststall. Mit diesem weiteren Betriebszweig möchte er den landwirtschaftlichen Betrieb in die nächste Generation zu führen. Es bildet sich eine Bürgerinitiative „Pro Waldeck“. Es wird eine online-Petition ins Leben gerufen. Die Gegner mobilisieren rund 400 Teilnehmer für eine Menschenkette über die Eder-Sperrmauer als Protest gegen die Hähnchen-Mastanlage. Auch das Hessenfernsehen in Form von hr-„Klartext“-talk war zu Gast in Waldeck – es wurde live über den Stallbau debattiert, Und zu guter Letzt wurde versucht, dem Landwirt die Existenzgrundlage „Acker“ zu entziehen. Der Landwirt hat kreiseigene Flächen gepachtet. Die Grünen stellten einen Antrag, dass geprüft werden soll, ob eine vorzeitige Auflösung des Pachtverhältnisses möglich ist. Die Gefahr, durch politische Entscheidungen im Kreistag die gesamte wirtschaftliche Existenzgrundlage des bisherigen Ackerbaubetriebes zu verlieren, ist so groß, dass die Familie sich entschlossen hat, den Bauantrag zurückzuziehen.

Wir fassen noch einmal kurz zusammen:

Der Landwirt hat keine Straftat begangen, sondern hat sich an dieser Stelle immer an geltendes Recht und Gesetz gehalten: er hat einen Bauantrag gestellt und ein BImSch-Verfahren bis zum heutigen Zeitpunkt durchlaufen, wie es im Rechtsstaat der Bundesrepublik Deutschland vorgeschrieben ist. Die Fraktion der Grünen im Kreistag hat dieses rechtsstaatliche Verfahren durch den gestellten Antrag unterlaufen und damit den Landwirt und seine Familie in äußerste Bedrängnis gebracht.

Unser Kommentar

Wir stellen uns die Frage – wo kommen wir eigentlich hin, wenn Bauvorhaben nicht mehr den normalen, vorgesehenen Amtsweg gehen können, sondern „politisch“ entschieden werden? Diese aufgebaute Drohkulisse ist ein Paradebeispiel für den Untergang der politischen Kultur, aber auch des fairen Umgangs miteinander.

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Allgemein, Christina Annelies, Kommentar, Landwirtschaft

Wenn mit dem Bauerntum das Wissen um die Landwirtschaft verschwindet

Mein Oktober-Lieblingsbild: Der moderne Blick auf die Landwirtschaft (Quelle: http://www.ichliebelandwirtschaft.de)

von Christina Annelies – Blog Agrar

Am 18.10. 2018 veröffentlichte das SZ-Magazin (Süddeutsche Zeitung) in dem Beitrag »Mit Milch verbinden wir keine Schmerzen, keine Schlachtung« ein Interview mit der Fotografin Manuela Braunmüller. Diese hatte in einer Fotoreportage den Weg der Milch von der Besamung der Kuh bis zu ihrer Tötung begleitet. Auf die abschließende Frage, ob sich etwas an Ihrem eigenen Milchkonsum geändert habe, antwortet die Fotografin:

Ja, ich trinke keine Milch mehr. Ernährung ist ja ein emotionales Thema. Aber es ging mir nicht darum, irgendjemand abzuschrecken. Sondern allein darum, die Kuhmilchherstellung in industrialisierten Ländern zu zeigen. Das Bild vom Bauern, der bei Sonnenaufgang eine Kuh mit der Hand melkt, ist einfach veraltet. Durch unseren massenhaften Konsum hat sich das so verändert. Bei Kuhmilch geht es primär um wirtschaftlichen Profit.

Mir ist der Kragen geplatzt. Im Folgenden das Resultat, so wie ich es bei Facebook dem SZ-Magazin in den Thread gehauen habe:

Schimpfkanonade

Dann möge die Fotografin bitte selber hingehen und ihre Milch mit der Hand melken, statt zu jammern. Nicht immer nur kritisieren und fordern, macht es selber!

Diese romantisierte Vorstellung von Landwirtschaft ist unerträglich. Sie wird mit jedem Jahr unerträglicher, weil eine total durchurbanisierte Öffentlichkeit keine Ahnung mehr hat von der Erzeugung ihrer Lebensmittel. QED. Sonst wüsstet Ihr alle da draußen, dass Ihr Euer Leben mit Nine to Five, Wochenende und regelmäßig Urlaub leben könnt, weil Ihr selber nicht mehr auf den Höfen anpacken müsst wie vor 50 oder 100 Jahren.

Wenn man die Eier will, darf man die Henne nicht schlachten

Stattdessen profitiert Ihr tagein-tagaus von der Agrarindustrie, lehnt sie aber trotzdem ab, verachtet sie sogar! Schlimmer noch: Durch Eure einseitige, so oft uninformierte Darstellung basht Ihr die moderne Landwirtschaft UND die Landwirte. 80 Mio. Menschen haben die Ahnung und stellen lauthals ihre Forderungen, nicht einmal mehr 2 Prozent machen die Arbeit auf den Höfen und den Feldern, und zwar sieben Tagen die Woche.

Mem mit Zahlen zur LandwirtschaftMassenhaft war auch früher schon. Fakten, die verstören?

Und da 80 Mio einfach nicht irren können, werden zunehmend Gesetze erlassen in Sachen Tierwohl, Düngung, Umwelt, Lebensmittelhygiene etc. Das wisst Ihr bloß nicht, weil es nie, NIE berichtet wird. In der Berichterstattung wird immer nur draufgehauen. Die Verordnungen wollen Landwirte wohl umsetzen, können es aber zunehmend nicht leisten. Weil die Forderungen an den Supermarktkassen nicht entlohnt werden.

Resultat: Ihr alle da draußen betet die bäuerliche Landwirtschaft an, legt aber kollektiv eine Attitüde an den Tag, die wiederum ein Grund dafür ist, dass Landwirte ihre Höfe schließen. Ich höre immer häufiger, dass Bauern ihren Kindern NICHT empfehlen, weiterzumachen. Vom bösen „Massentierhalter“ bis hin zum „guten“ Bio-Kartoffelbauern. Sie haben keine Lust mehr auf Hetze. Sie macht nicht nur rat- und hilflos, sie macht krank. FAKT. Ihr macht kaputt, was Ihr erhalten wollt.

Gute alte Zeit?

Was das Deckphoto betrifft: Würde mal bitte jemand der Verfasserin erklären, dass damals in der guten alten Zeit, als nicht künstlich besamt wurde, Herr Bulle von einer Dame zur anderen weitergereicht wurde zwecks Besamung. D.h. 200 bis 400 kg (kenne mich nicht genau aus) knallen auf eine Kuh drauf. Könnte man wissen, à propos Romantik. Und natürlich weiß auch keiner, dass die Deckbullen seinerzeit nicht selten Geschlechtskrankheiten weiterreichten, so dass die Kuhbestände teils ganzer Dörfer erkrankten waren und die Tiere keine Milch mehr gaben. Tierwohl? Vergesst es. Übrigens, was ist das denn für eine Rasse, wo wurde das Bild aufgenommen? In Deutschland?

Audiatur et altera pars!

Nur ein Landwirt weiß, was ein Landwirt weiß! Sprecht ihn an, wenn Ihr zur Landwirtschaft arbeitet! Fragt doch mal den Landwirt anstatt aus Euren landwirtschaftsfernen Perspektiven heraus einseitig Euch zur modernen Landwirtschaft zu äußern.

Eine ganz heiße Adresse, extra für Euch geschaffen: Der Bauernwiki Frag doch mal den Landwirt.

Speziell zu Kühen: Videoplattform My KuhTube – Milch-Bauern drehen Videos – zwei neue pro Woche

Auch die andere Seite will gehört werden! Audiatur et altera pars – da waren die alten Römer aber um Längen zivilisierter als der Deutsche im 21. Jahrhundert.

Bitte mal sacken lassen:

Dr. Andreas Möller hat es in der FAZ (20.09.18) in seinem Beitrag „Hört auf zu träumen“ mit einem Zitat eindrücklich auf den Punkt gebracht: „Und in Ulrich Raulffs lesenswerter Geschichte des Verschwindens der Pferde aus dem Erscheinungsbild der Dörfer und Städte kommt der Kunsthistoriker Jean Clair zu Wort, geboren 1940 als Sohn einer Bauernfamilie. „Ich gehöre zu einem verschwundenen Volk. Bei meiner Geburt machte es noch 60 Prozent der französischen Bevölkerung aus. Heute sind es keine 2 Prozent mehr. Eines Tages wird man anerkennen, dass das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts nicht der  Aufstieg des Proletariats war, sondern das Verschwinden des Bauerntums.

Soweit mein Rant beim SZ-Magazin

Die im Interview getätigten Aussagen sind symptomatisch für eine Zeit, in der selbst Basiswissen zur Landwirtschaft in breiten Teilen der Gesellschaft inexistent ist. Symptomatisch ist ferner die Attitüde, die durchschimmert: Ich habe es nicht nötig, mir dieses Wissen anzueignen. Zur modernen Landwirtschaft, zur Massentierhaltung ist doch alles gesagt: Die ist einfach nur böse-böse-böse.

In diesem Kontext möchte ich einige Fragen ansprechen, die sich mir immer wieder stellen:

Halbe Wahrheiten

Im ersten Absatz fällt mit Blick auf die Fotoreportage der Satz:

Grüne Wiesen kommen dabei nicht vor.

Es verwundert, dass die Weidehaltung unter den Tisch gefallen ist. Obwohl, nein, eigentlich verwundert es nicht. Im Reich des Bösen, aka in der Massentierhaltung, wollen Bilder von entspannten Kühe auf der grünen Wiese, scheint’s, nicht ins Konzept passen. Recherche fällt halt aus. Dabei stehen in Deutschland sehr viele Kühe auf Weiden rum. Und diese sind, man höre und staune, in der Regel sogar grün (die Weiden, nicht die Kühe ;-)).

Ich bin mir sicher, Amos Venema, Landwirt, Kuhhalter und Blogger bei BlogAgrar, ist gerne bereit, Fragen zu Kuhhaltung, Milch und Wiese zu beantworten. Neben www.mykuhtube.de erreicht man ihn auch bei bei Facebook, wo er mit informativen Infos rund um die Rinderhaltung nicht geizt.

Kühe grasen auf WeideKühe auf der Wiese. Es dominiert: die Farbe Grün. (Quelle: Amos Venema)
Luftaufnahme mit zwei großen Ställen und SilosModerner Bauernhof mit Rinderhaltung aus der Vogelperspektive. Es dominiert: die Farbe Grün. (Quelle: A. Venema)

Ein Video mit noch mehr Grün: Weidenabtrieb in Ostfriesland

Und ewig nervt der Profitanwurf!

Das Bild vom Bauern, der bei Sonnenaufgang eine Kuh mit der Hand melkt, ist einfach veraltet. Durch unseren massenhaften Konsum hat sich das so verändert. Bei Kuhmilch geht es primär um wirtschaftlichen Profit.

Sorry, wenn ich Illusionen raube, aber: Auch der romantisch verklärte Bauer hat seine Kühe des Profits wegen gemolken. Ich werde NIE verstehen, wie Menschen auf den Gedanken kommen, dass alle Berufstätigen Geld verdienen dürfen, bloß Landwirte nicht. Glaubt Ihr wirklich, Bauern haben jemals für ümme gearbeitet?

Demnachzufolge ist mein heute 84 Jahre alter Vater  in der „guten alten Zeit“ mit 14 Jahren jeden Morgen um 4 Uhr aufgestanden, um auf unserem Familienbetrieb für Luft und Liebe Knochenarbeit zu leisten?

Ganz ehrlich: hakt’s da draußen?

Ob unser Konsum massenhafter ist als früher, ist laut Mem des Bauernverbandes Schlewsig-Holsteins nicht eindeutig. Es gab deutliche mehr Höfe, auf denen wesentlich weniger Tiere standen. Fakt ist: Deutschland hat deutlich mehr Einwohner als früher, und davon arbeitet nur noch ein Bruchteil in der Landwirtschaft. Wie sollen die paar Männeken Milch für 80 Mio. Menschen melken, Ackerfrüchte ausbringen und ernten sowie unser Obst und Gemüse anpflanzen ohne große Maschinen? Per Handarbeit bekommen die wenigen Bauern das Land nicht satt.

Fakt ist ferner: Dieses Land hat kaum noch Bauern. Das bleibt nicht ohne Konsequenzen. Davon ganz abgesehen sind die Zeiten der Handarbeit vorbei. So wie Ihr Eure Texte nicht mehr an der Schreibmaschine schreibt oder jeden Morgen kilometerlange Wege per pedes zur Arbeit zurücklegt. Wie viele Münchner wohl gar mit dem SUV die fünf Kilometer zum Job fahren? Plus: Für die Tiere macht es keinen Unterschied, ob sie mit der Hand oder an der Maschine gemolken werden. Nur für den urbanisierten Verbraucher, der die Knochenarbeit nicht machen muss. Finde den Fehler.

Bullerbü ist heute!

Was veraltete Bilder betrifft: Ich stamme selber aus der Landwirtschaft und war ein neugieriges Kind. „Erzähl mal von frühers“, diesen Satz habe man sehr häufig von mir gehört, berichten meine Eltern. Daher weiß ich viel aus den „guten“ alten Zeiten, von den Menschen und ihrer Arbeit. So weiß ich aus erster Hand von den Großeltern und Großtanten, dass Romantik fehl am Platz zurück ist. Je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto schwieriger war die Arbeit.

Eine Großtante wäre in den 1930-er Jahren viel lieber in die Stadt gegangen, um eine Lehre als Bäckereifachverkäuferin zu machen. Weil sie unverheiratet war und jede HAND auf den Höfen gebraucht wurde – Pech gehabt. Mit 80 Jahren war sie deswegen noch traurig.

Aber es war sicher ein malerisches Bild, wenn sie morgens in der Herrgottsfrüh auszog, die Bullen zu hüten, vor denen sie eigentlich panische Angst hatte.

Anders herum ausgedrückt: Bullerbü ist heute! Dafür steht paradoxerweise das schwedische Smaland mit dem niedlichen Bullerbyn, das vielen als Synonym für eine heile Landwelt bzw. Landwirtschaft gilt. Bloß: Mitte des 19. bis in das 20. Jahrhundert hinein verlor die südschwedische Region fast die Hälfte ihrer Einwohner, zum großen Teil Bauern an die Emigration. Weil das Leben unerträglich hart war, weil man Steine nicht essen kann, weil die Kinder an Hunger starben.

Landwirtschaft vor 100 Jahren. Romantisch? Los, ran an die Kuh. Wir haben noch einen uralten Melkschemel zu Hause. Den verleihe ich gern.

Milchschemel mit Blaubeeren vor StallgebäudeExklusiver Melkschemelverleih. Für alle Fälle die Info: es ist dasTeilchen rechts (vermutlich wissen die meisten nicht, wie ein solches Sitzgerät ausschaut).

P.S. Ergonomisch ist der aber nicht. Den schmerzenden Rücken gibt es inklusve. Alles wie „frühers“!

Noch ein Lektüretipp: „Sag nein zur Milch?“

Um was es in dem verlinkten Beitrag geht? Klaus Alfs ist der Kragen geplatzt. Hier die einleitenden Worte zu einem infomativen Beitrag.

Es ist äußerst ermüdend, jahrein, jahraus dieselben aggressiv vorgetragenen falschen Behauptungen über Milch und Milchviehhaltung richtigzustellen. Da aber Milch müde Männer munter macht, erkläre ich eben nochmal, was es mit dem verpönten Sekret auf sich hat.

Enjoy!