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„Was stört mich mein Geschwätz von gestern“

Frei nach dem Motto: „was stört mich mein Geschwätz von gestern“ macht Schlachtriese Tönnies diese Woche Hauspreise.

Was war passiert?

„Clemens Tönnies will das Leben der Schweine verbessern“ – was für eine Überschrift, die wir vor Kurzem noch in der Neuen Osnabrücker Zeitung zu lesen bekamen. Laut des Artikels möchte er den Standard der Tierhaltung in Deutschland anheben. Im ersten Schritt geht es ihm um 10% mehr Platz. Raufutter und Beschäftigungsmaterial fordert er ebenfalls. Er spricht im Weiteren von Offenfrontställen und Ställen mit Auslaufhaltung. Tönnies lässt gerade Emissions-Gutachten anfertigen und setzt sich für die Genehmigung dieser Alternativställe ein.

Er ist sich sicher, dass der Verbraucher für ein Mehr an Tierwohl auch mehr zahlen muss. Und, dass dem Landwirt sein Mehraufwand bezahlt wird. Das möchte Clemens Tönnies mit einem festen Aufschlag auf den Notierungspreis erreichen.

 Das hört sich doch sehr vielversprechend an…

Das mag sich ja im ersten Moment sehr vielversprechend anhören, allerdings muss ich ehrlich gestehen, bekommt dieses Interview ein gewisses „Geschmäckle“, wenn wir bedenken, dass Clemens Tönnies der Hauspreiskönig der Branche ist.

Der Schlachtriese betont gerne die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Erzeugern. Auf der anderen Seite ist er wie auch in dieser Woche der erste, wenn es um Hauspreise und Maskenänderungen (vor allem bei der Ebermaske) geht. Bis jetzt macht er selbst letztlich keine Verträge mit den Betrieben, um dieses „Mehr an Tierwohl“ auch zu finanzieren. Ganz im Gegenteil – er ist der Mann, der stetig die Preise drückt.

… es ist aber letztendlich nichts anderes als nur heiße Luft!

Clemens Tönnies täte gut daran, sich um den Absatz des Schweinefleisches zu kümmern und damit den Tierhaltern dauerhaft einen angemessenen Preis zu sichern – der gerne höher liegen darf als bisher.

Und wenn wir Landwirte uns keine Sorgen mehr um einen angemessenen Preis machen müssen, dann können wir uns der Aufgabe des „Mehr an Tierwohl“ widmen – denn das können wir durchaus alleine. Gute Ideen sind reichlich vorhanden, nur benötigen wir zur Umsetzung halt einen finanziellen Rahmen jenseits von Hauspreisen.

Was sind „Hauspreise“?

In Deutschland gibt es einen Vereinigungspreis für Schlachttiere – die sogenannte VEZG-Notierung. Diese Notierung kommt folgendermaßen zustande:

Mittwochs melden die Mitgliedererzeugergemeinschaften an eine Geschäftsstelle der Landwirtschaftskammer Niedersachsen ihre Einschätzung der Marktlage. Daraus errechnet diese Geschäftsstelle den Wochenpreis, gibt zudem die Preisspanne an, die Angebotsmengen und sonstige Informationen. Die Geschäftsstelle berichtet dann in einer Telefonkonferenz, in der acht von ca. 32 Erzeugergemeinschaften teilnehmen, ihre Ergebnisse. Diese Konferenz erörtert die Marktlage inklusive Angebot und Nachfrage. Sie legen dann abschließend den Wochenpreis fest und veröffentlichen diesen. Der genaue Ablauf ist hier zu sehen.

Preise für die Kalenderwoche 33 (15.08.2019-21.08.2019)

Die VEZG hat sowohl den Preis für Mastschweine als auch den Preis für Schlachtsauen diese Woche um 3 Cent nach oben gesetzt:

Bildquelle: ISN

 

Bildquelle: Tönnies Agrarblog

Derweil bleibt Tönnies beim Preis der Vorwoche, geht also den Vereinigungspreis bei den Schlachtschweinen nicht mit. Diese 3 Cent machen etwa 3,-€ am Schwein aus. Tönnies schlachtet wöchentlich etwa 320.000 Schweine – das ergibt ungefähr 960.000,-€. Die Differenz bei den Schlachtsauen liegt mittlerweile bei 10 Cent pro kg Schlachtgewicht – das macht bei uns (unsere Sauen wiegen etwa 200kg geschlachtet) eine Differenz von 20,-€ pro Schlachtsau aus, was uns fehlen würde. Die Firma Tönnies schlachtet um die 7.000 Sauen die Woche – das sind dann noch einmal etwa 140.000,-€.

Insgesamt errechnet sich hier eine Differenz von ca. 1,1 Mio. €,  die sich der Konzern diese Woche in die Tasche packt, anstatt sie den Landwirten auszuzahlen.

Hier zeigt sich dann die wahre hässliche Fratze, der es in erster Linie eben nicht um das Tierwohl geht.

 

Kleiner Nachtrag:

Unweigerlich stelle ich mir zudem die Frage, ob sich Herr Tönnies schon einmal näher mit der Initiative Tierwohl beschäftigt hat. Mit der ITW setzen die Landwirte genau die von ihm geforderten Verbesserungen betriebsindividuell um, und bekommen diesen Mehraufwand auch finanziell ausgeglichen. Schaut Euch dazu gerne mal die Seite der ITW an.

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Quo vadis – Ferkelkastration

Ab 01.01.2019 dürfen nach heutigem Stand keine Ferkel mehr betäubungslos kastriert werden. Diese Tatsache beschäftigt nun schon eine geraume Zeit die gesamte Branche – nur offensichtlich hat niemand bislang eine flächendeckende Lösung im Angebot – und die Zeit rennt, bis zum 01.01.2019 sind es knapp fünf Monate. Für mich ist vor allem interessant, welchen Weg unsere Abnehmer, sprich die Schlachtunternehmen bzw. der Lebensmitteleinzelhandel, präferieren.

Offener Brief

Um das herauszufinden schrieb ich vor gut zwei Monaten einen offenen Brief an die jeweils „Big Five“ der Schlachtunternehmen (Tönnies, VION, Danish Crown, Westfleisch und Müller) und des LEH (REWE, EDEKA, ALDI, LIDL und Metro Group). Innerhalb der letzten Wochen antworteten mir zumindest von fünf der zehn angeschriebenen Unternehmen.

Die Schlachthöfe

Danish Crown scheint überhaupt kein Problem zu sehen. Im Antwortschreiben heißt es:

In Dänemark haben wir die notwendigen Beschlüsse getroffen, indem eine freiwillige Branchenabsprache um Betäubung und Schmerzlinderung von Eberferkeln in Verbindung mit der Kastration per 01.01.2019 mit den Erzeugern getroffen ist. Eine Kontrolle wird durch Danish Produktiostandard/QS gemacht.

Soweit – so gut, nur was sie von uns Lieferanten erwarten, bleibt offen. Kein Wort darüber, ob aus Sicht von Danish Crown auch Jungeber oder immunokastrierte Tiere angenommen werden.

Die Vion Food Group ist hier wesentlich konkreter – sie schreiben, dass alle ihre Kunden im In- und Ausland deutlich gemacht haben, dass sie die Immunokastration ablehnen. So bleibt für die Erzeuger die Kastration unter Betäubung oder die Jungebermast. Bei der Jungebermast sei allerdings der Markt gesättigt. Aus diesen Gründen setzt sich VION für den 4. Weg ein, der die lokale Betäubung in der Hand des Landwirtes ermöglicht.

Auch die Westfleisch befürwortet den sogenannten „4. Weg“ und ist einer der Unterzeichner der „Herriedener Erklärung“ Mitte März 2017. Allerdings sieht die Westfleisch das vom Gesetzgeber angestrebte Ziel, zum 01.01.2019 aus der betäubungslosen Ferkelkastration auszusteigen, skeptisch. So setzt sich die Westfleisch für eine Fristverlängerung über den 01.01.2019 hinaus ein.

Leider habe ich bislang keine Antwort von den anderen beiden Unternehmen erhalten (oder sie sind nicht bei mir eingegangen – dann bitte gerne noch einmal per Mail an mich senden).

Der Lebensmitteleinzelhandel

Auch zwei Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels haben mir geantwortet. Als erstes die REWE GROUP. REWE schreibt, dass sie sich schon seit Anfang 2017 intensiv mit dem Thema auseinandersetzen. Das kann ich bestätigen, Herr Ludger Breloh hat bereits 2016 auf dem Bauerntag des Deutschen Bauernverbandes in Hannover klar Stellung bezogen:

Improvac sei der „goldene Weg“, sagte Ludger Breloh von der Handelskette Rewe kürzlich auf einer Fachveranstaltung auf dem Deutschen Bauerntag, „auch wenn sich Schweinebauern dagegen wehren“.  (Quelle FAZ)

REWE hat sich seit dem 01.01.2017 das Ziel gesetzt, nur noch Frischfleisch zu vermarkten, das von nicht betäubungslos kastrierten Schweinen stammt. Seitdem akzeptiert REWE alle drei in Deutschland gesetzlich erlaubten Verfahren. Weiter heißt es im Schreiben:

Tiergesundheit und Tierwohl müssen hierbei stets im Fokus stehen. Die Immunokastration ist in diesem Zusammenhang die Alternative, bei der das Tier den geringsten Störungen ausgesetzt ist.

Aber auch das Thema Lokalsnästhesie, welches momentan diskutiert wird, kann zukünftig eine Option sein.

Auch die Schwarz Gruppe (Lidl und Kaufland) hat mir geschrieben. Auch die Schwarz Gruppe unterstützt den Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration. Sie setzt auf Jungebermast und Kastration unter Betäubung:

Entsprechend den Erwartungen unserer Kunden führen Lidl und Kaufland frisches Schweinefleisch nach QS-Standard. Dieser stellt sicher, dass alle vermarkteten Ferkel unter den ab 01.01.2019 zugelassenen alternativen Verfahren zur Ferkelkastration aufgezogen werden.

Hier bleibt die Frage, was die Schwarz Gruppe bei einer Fristverlängerung macht – möchte sie dann dennoch ausschließlich unter Betäubung kastrierte Tiere vermarkten? Gilt dann die Vorgabe von QS, die z.B. dänischen Ferkeln, die nach Maßgabe des 4. Weges, der zur Zeit in Deutschland noch kein anerkanntes Verfahren darstellt, kastriert werden, hier einen klaren Wettbewerbsvorteil einräumen? Ich werde das noch einmal hinterfragen. Merkwürdig finde ich allerdings, dass Lidl nach Aussage des NDR „bereits seit Anfang 2015 nur noch Frischfleisch von „nicht kastrierten Schweinen“ – also von Sauen und Ebern“ akzeptiert. Hier ist die an mich gerichtete Antwort der Schwarz-Gruppe doch etwas widersprüchlich.

Und die anderen?

Die anderen Unternehmen haben wie gesagt bislang nicht geantwortet. Tönnies finden wir jedoch ebenfalls als Unterzeichner auf der „Herriedener Erklärung“.

ALDI Süd hatte angekündigt, mir zu antworten – ich warte gerne:

wir melden uns so schnell wie möglich bei Ihnen. Haben Sie bitte noch etwas Geduld.

Von der Metro Gruppe und EDEKA habe ich leider gar keine Rückmeldung bekommen. Jedoch bin ich hinsichtlich EDEKA Südwest im Internet fündig geworden. EDEKA Südwest hat ein Programm, welches sich „Gutfleisch“ nennt. Hier heißt es im Kriterienkatalog Dachmarke Gutfleisch:

Ziel: Verzicht auf die betäubungslose Kastration ab 01.07.2018.

Erlaubt sind alle bis dahin gesetzlich zugelassenen Alternativen (Jungebermast, Immunokastration, Kastration unter Betäubung). Betriebe, die bereits ab 01.07.2018 alternative Methoden zur betäubungslosen Kastration per Nachweis anwenden, erhalten bis 31.12.2018 von EDEKA Südwest Fleisch eine Kostenerstattung nach unten stehender Liste:

– Für Immunokastration: 4 € / Mastschwein

– Für Kastration unter Betäubung: 3,13 € / Ferkel (bei Vollnarkose)

Demnach gehe ich davon aus, dass EDEKA Südwest neben der Jungebermast und der Kastration unter Betäubung auch durchaus die Immunokastration als einen Weg sieht.

Nach Recherche von Oda Lambrecht (NDR) setzt sich ALDI für die Ebermast ein und soll bereits seit Anfang 2017 kein Frischfleisch mehr von kastrierten Ferkeln handeln.

Mein Fazit

Kurz gesagt, ich bin nicht schlauer als vorher. Es ist ein Spiel auf dem Rücken der deutschen Ferkelerzeuger. Die Schlachtunternehmen und die Vermarkter schieben sich schön gegenseitig den schwarzen Peter zu, nur leider bekennt niemand wirklich Farbe. Zudem stellt sich mir auch die Frage, wie die Vermarkter einkaufen bzw. wie hier eine Nämlichkeit garantiert wird. Da zum Beispiel REWE bereits seit 01.01.2017 im Bereich Frischfleisch kein Fleisch mehr von betäubungslos kastrierten Tieren vermarktet, bleibt die Frage, wie dort die Gewährleistung aussieht?

  1. nehmen sie nur Fleisch von weiblichen Tieren in ihr Frischfleisch-Programm?
  2. oder zusätzlich nur Tiere aus der Jungebermast?
  3. oder haben sie Vertragsmäster, die Improvac (= Immunokastration) einsetzen? (die dann allerdings offensichtlich nicht von der VION Group geschlachtet werden)
  4. oder erfolgt eine Kontrolle der Ferkelerzeuger (und wenn ja, wie?), die unter Betäubung kastrieren?

Wenn ALDI und Lidl ausschließlich Jungeber in der Frischfleischvermarktung haben und für sowohl REWE als auch EDEKA die Immunokastration ein Weg ist, dann verstehe ich die Schlachtunternehmen und die Verbände nicht. Denn damit wären wir dem Ziel der bereits im September 2008 gezeichneten Düsseldorfer Erklärung schon ein großes Stück näher gekommen. Denn darin heißt es:

Um neben dem Verbraucherschutz auch den Tierschutz zu gewährleisten, wird vereinbart, die Entwicklung eines alternativen Verfahrens zur traditionellen Kastrationsmethode, das in Deutschland flächendeckend angewendet werden kann, zu beschleunigen. (…) Ziel ist es, unter Ausschluss jeglicher Risiken für die Verbraucher und die Tiere auf die Kastration gänzlich verzichten zu können.

Nur meine Befürchtung ist, dass mit Forderung des vierten Weges der Tierschutz vollkommen aus den Augen verloren wird. Das ist traurig und bringt keinerlei Verbesserung für die Ferkel.