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Liebe Medien – shame on you!

Und es hört nicht auf – der nächste Tierschutzskandal?

Und da ist es wieder passiert – diesmal im Allgäu: ein größerer Familienbetrieb soll sich nicht ausreichend um seine erkrankten Kühe gekümmert und nicht gesetzeskonform notgetötet haben. Ich möchte hier nun nichts zu den Bildern und zum Betrieb schreiben, da ich bislang weder die Bilder noch den Betrieb kenne. Und ich möchte auch gleich vorweg sagen, dass ich eine nicht korrekt durchgeführte Nottötung weder gutheißen kann noch will.

Familie an den Pranger

Nur dieses Mal gehen die Medien wieder einen Schritt weiter und für mich viel zu weit. In der Pressemitteilung des SWR heißt es:

Der Milchviehbetrieb XXX (in der Pressemitteilung wird er namentlich genannt) in Bad Grönenbach im Allgäu quält nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung sowie den ARD-Politikmagazinen REPORT MAINZ und Fakt seine Tiere.

Ich bin fassungslos – in der Pressemitteilung wird der Betrieb mit Namen und Wohnort genannt. Die Presse stellt die Familie öffentlich an den Pranger – eine Hexenjagd. Und ich frage mich unweigerlich – wie weit soll das Ganze noch gehen? Bis jemand durchdreht und es Tote gibt – sei es durch Suizid oder Mord? Mich macht das fassungslos! Wo ist unser Rechtsstaat bloß hingekommen? Gilt in Deutschland nicht mehr die „Unschuldsvermutung“? Ist es hier nicht einmal so gewesen, dass jemand, bis seine Schuld bewiesen wurde, unschuldig ist? Und hieß es nicht auch einmal „in dubio pro reo“? Lebten wir nicht einmal in einen Rechtsstaat?

Und ich frage mich – wo bleibt der Aufschrei?

Wo sind die Berufskollegen, wo unsere Verbände? Wer denkt an die Familie, an die Kinder bzw. Enkelkinder? Wer denkt daran, dass diese weiterhin in ihrem Dorf wohnen, leben, am Dorfleben teilnehmen? Wir diskutieren über Mobbing bei Bauernhofkindern und parallel sind Landwirtsfamilien in den Medien vogelfrei? Es macht mich unsagbar traurig und furchtbar wütend! Und ich habe Angst – ich habe Angst, dass in naher Zukunft etwas wirklich Schlimmes passieren könnte. Denn die ersten „Reaktionen“ in den sozialen Medien haben nicht lange auf sich warten lassen:

 

 

Im Zeitalter, wo Politiker ermordet werden, ist das Ganze für mich unbegreiflich. Hier wird eine widerliche Hexenjagd betrieben! Das muss aufhören!

Und nur, damit wir uns nicht missverstehen – tierschutzrelevante Vorfälle müssen schnellstens im Sinne der Tiere beseitigt werden – keine Frage. Landwirte und ihre Familien müssen in solchen Fällen nicht öffentlich an den Pranger gestellt werden – sie brauchen (unsere) Hilfe.

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Nach Meldung wegen Tierschutzvergehen – Aufruf zur Lynchjustiz im Netz

Was ist bloß mit der Welt los?

Das ist eine Frage, die ich mir in letzter Zeit immer häufiger Stelle. Nachdem die Bilder, die das Totschlagen von Saugferkeln zeigen, durchs Netz gingen, kamen auch promt die ersten Hasskommentare. Auch ich verurteile die Art und Weise des Nottötens der „Kollegen“ im Stall aufs Schärfste (siehe meinen Blogpost „Ich habe keine Lust mehr“), nur das gibt niemanden das Recht, zur Lynchjustiz aufzurufen.

Hasskommentare u.a. gegen Landwirte – unser täglich Brot

Der Hass im Netz nimmt immer mehr zu. Mir fällt dieses natürlich vor allem gegen uns Landwirte auf. Wir werden als „Tierquäler“, „Giftspritzer“ und „Umweltverschmutzer“ beschimpft, erhalten Drohmails und Briefe. Nur leider finden solche Hassreden auch regelmäßig auf öffentlichen Seiten der Medien statt. Viele haben auf ihren Seiten eine „Nettiquette“ formuliert, viele moderieren ihre Seiten und greifen auch in Extremfällen ein – nur eben leider nicht alle. Und so habe ich heute morgen auf der Seite der BILD unter einem Beitrag über den Brandenburger Sauenhalter folgenden Kommentar gefunden:

Sollte man mit der Person vor den Kisten auch machen. Gleiches Recht für alle.

Über 800 Likes für das Totschlagen von Menschen

Für diesen Kommentar hat der Schreiberling (bis heute morgen) alleine über 800 „gefällt mir“ und Herzchen erhalten. Keine Frage, es ist absolut schlimm, was dort mit den Ferkeln gemacht wurde. Aber solche Kommentare und die allgemeine Zustimmung schockieren mich sehr. Dieser Kommentar findet sich auf der offiziellen Facebook Seite von BILD. Auch BILD hat dort in seinem Impressum eine „Nettiquette“ für die Facebook-Seite formuliert. Dort ist folgendes zu lesen:

Damit sich aber jeder auf der BILD-Facebook-Seite wohlfühlt, gelten auch hier bestimmte Umgangsformen. Nur gegenseitiger Respekt und Höflichkeit sorgen für eine rege Diskussion.

und weiter:

Leser-Kommentare werden gelöscht, wenn ihr Inhalt rechtswidrig ist, grob anstößig, pornografisch oder sexuell, jugendgefährdend, extremistisch, Gewalt verherrlichend oder verharmlosend, den Krieg verherrlichend, für eine terroristische oder extremistische politische Vereinigung werbend oder zu einer Straftat auffordernd. Ebenso werden Kommentare entfernt, die ehrverletzende Äußerungen, sonstige strafbare Inhalte, Werbung oder gewerbliche Inhalte enthalten.

Soweit so gut – nur hat BILD sich zu diesem Kommentar geäußert?

– Nein, im laufenden Tweet bieten sich dann Menschen zum Mitmachen an, BILD löscht es nicht, kommentiert das nicht und greift hier auch nicht moderierend ein. Ich bin absolut fassungslos.

Unterstützt BILD Aufruf zur Lynchjustiz?

Zumindest sieht BILD keine Notwendigkeit zum Handeln. Allerdings ist Lynchjustiz streng verboten, so dass dieser Kommentar definitiv gegen die Nettiquette verstößt.

Exkurs: Was ist Lynchjustiz? In einem Rechtsstaat ist Lynchjustiz streng verboten. Über die Frage, wie eine Straftat beurteilt wird, entscheidet alleine ein Gerichtsverfahren. Dort wird auch festgelegt, ob und wie der Angeklagte bestraft wird. Denn es kann immer sein, dass Dinge, die scheinbar ganz klar und eindeutig sind, bei näherer Betrachtung ganz anders aussehen. Und das ist auch gut so – wie das ansonsten enden kann, haben wir neulich gerade bei einem Fall in Bremen gesehen (Lynchjustiz in Bremen).

Ein Einzelfall?

Leider ist das kein Einzelfall. Ein anonymes (Fake-)Profil in sozialen Netzwerken ist schnell angelegt. Und damit kann man dann schreiben, was man möchte – ist ja schließlich anonym und selbst bei Hasskommentaren drohen letztlich keine Konsequenzen. Diese Hassreden sind im Netz ein fast alltägliches Phänomen.  Immer wieder wird massiv im Netz auf öffentlichen Seiten gegen uns Landwirte gehetzt – wir werden beleidigt, beschimpft, bedroht. Und auch der Aufruf zu Gewalttaten ist leider nicht selten. Neben dem, dass die Betreiber der Seiten nicht reagieren, ist auch eine Meldung bei Facebook selber häufig ohne Erfolg. Laut einer Studie ist für viele Hass-Kommentare im Internet eine verschwindend kleine Minderheit der Nutzer verantwortlich. Dennoch ist es frustrierend und beschämend, wie diese Menschen im Netz so agieren. Nur was mich an diesem Beispiel wirklich schockiert ist die breite Zustimmung der Mitleser – denn über 800 „gefällt mir“ auf einem Kommentar ist schon wirklich eine Menge.

Was ich mir wünsche…

Liebe Redaktionen und Seitenbetreiber – wir müssen dringend einen Weg finden, dieses Phänomen, das sich im Netz breitmacht, in den Griff zu bekommen. Denn wenn sich im Netz nur die Lauten und Aggressiven durchsetzen, drängen diese alle anderen zurück – auch wenn diese (hoffentlich noch) in der Mehrheit sind. Bitte nehmt Eure eigene „Nettiquette“ ernst und begegnet den Hatern – seid konsequent. Denn nur so machen Diskussionen in den sozialen Medien Spaß – meinetwegen hart in der Sache, aber bitte freundlich im Umgangston.

…auch von den Landwirten

Liebe Kollegen, auch Ihr seid hier gefordert. Denn ein weiteres Phänomen ist, dass sich viele von diesen Hasskommentaren provozieren, anstecken und mitreißen lassen.

 Gewalt erzeugt Gegengewalt

Bitte nehmt Euch auch zurück – wenn Ihr Euch provoziert fühlt, entzieht Euch der Diskussion. Füttert keine Trolle – versucht Euch im Griff zu behalten. Lasst uns mit einer guten Diskussionskultur und fachlicher Untermauerung punkten. Denkt immer an die stillen Mitleser – die überzeugt Ihr nämlich nur so. DANKE!