Ferkelkastration, Landwirtschaft, Markt, Politik, Schweinehaltung

Offener Brief an QS zum Thema Ferkelkastration

Sehr geehrter Herr Dr. Nienhoff,

seit der Düsseldorfer Erklärung verfolgen wir die Debatte um das Thema der betäubungslosen Ferkelkastration. Nun ist es Herbst 2018, der Ausstieg steht zum 01.01.2019 bevor, und es sind immer noch keine flächendeckenden Lösungen gefunden. Die Bundesländer lehnten im Bundesrat eine Fristverlängerung ab, das hat die Branche geschockt. Nun arbeitet die Bundesregierung an einem Gesetzesentwurf, der eventuell noch eine Verlängerung der Frist bringen könnte.

Am 13.03.2017 hat der Fachbeirat Rind und Schwein richtig erkannt, dass es zu einer Wettbewerbsverzerrung kommen wird, wenn im Ausland nach niedrigeren Tierschutzstandards kastriert werden kann und dann die Tiere bzw. das Fleisch nach Deutschland importiert und mit QS-Siegel verkauft werden dürfen. In Ihrer Pressemitteilung heißt es dazu korrekterweise:

Um einer zu erwartenden Wettbewerbsverzerrung entgegen zu wirken, hat der QS-Fachbeirat Rind und Schwein die QS-Anforderungen schon jetzt klargestellt. Demnach gelten ab dem 1. Januar 2019 für alle QS-Teilnehmer – im In- und Ausland – die Vorgaben des deutschen Tierschutzgesetzes zur betäubungslosen Ferkelkastration.

Besonders wichtig ist, dass diese Vorgaben auch für Tiere und Fleisch gelten, die aus dem Ausland über die Anerkennung anderer Standards in das QS-System geliefert und vermarktet werden. Darüber hinaus geht es nicht allein um die Tiere, sondern auch um Mastschweine und Schweinefleisch, das von Ferkeln stammt, die chirurgisch kastriert sind. Der Beschluss hat also sowohl Gültigkeit für die Landwirtschaft als auch für alle nachgelagerten Produktions- und Vermarktungsstufen.

 

Auch in der Pressemitteilung zum Positionspapier vom 19.04.2018 heißt es noch:

Die gesetzlichen Voraussetzungen für die eingesetzten Methoden werden sich in den Herkunftsländern auch zukünftig unterscheiden. QS wird allerdings Alternativverfahren nur akzeptieren, die der Vorgabe Betäubung oder Schmerzausschaltung gerecht werden. Für Lieferanten ins QS-System wird der Grundsatz der Gleichbehandlung gelten, erläutert Nienhoff. Das heißt: Auch Sauenhalter im Ausland, die ihre Tiere an Schweinemäster im QS-System liefern, müssen ab 2019 die Anforderungen des deutschen Tierschutzgesetzes erfüllen. Außerdem dürfen im QS-System Schweinefleisch und Schlachtschweine auch aus dem Ausland nur dann vermarktet werden, wenn auch die Ferkel, die ab 2019 geboren werden und chirurgisch kastriert werden, nach den Anforderungen des deutschen Tierschutzgesetzes behandelt wurden.

Entsetzt hat uns diesbezüglich die Kehrtwende von QS hinsichtlich des Imports von Ferkeln, die mittels CO²-Narkose bzw. Lokalanästhesie kastriert wurden. Bei agrarheute heißt es dazu am 17.07.2018:

QS könne nicht die nationalen Unterschiede in den Verfahren ausgleichen und deshalb auch nicht ein Verfahren, das im Ausland zugelassen sei, aber in Deutschland nicht, ausschließen. Die Verfahren, die im Ausland rechtlich zugelassen sind, dürfen bei Tieren, die in das QS-System eingeführt werden, auch angewandt werden.

QS könne nicht geradebiegen, was die Politik vermasselt habe. Abgesehen davon würden wohl viele deutsche Mäster protestieren, wenn plötzlich keine Ferkel mehr aus Dänemark oder Niederlande nach Deutschland importiert werden dürften.

 

Wir stellen uns nun die Frage, wann und vor allem aus welchem Grund QS hier die klare Haltung in den vorherigen Pressemitteilungen aufgegeben hat?

 

Über eine Antwort würden wir uns sehr freuen.

 

Mit freundlichen Grüßen

Nadine & Heinrich Henke
Brokser Sauen

Werbeanzeigen
Allgemein, Landwirtschaft, Schweinehaltung

Was ist da eigentlich los? Einige kurze Erläuterungen zum gestrigen offenen Brief…

Drei Alternativen und ein 4. Weg?

Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration

Stichtag 01.01.2019

In Deutschland werden bislang die meisten männlichen Ferkel betäubungslos kastriert. Dieses geschieht, damit das Fleisch der Tiere später nicht unangenehm riecht, wenn man es brät. Ab 1.1.2019 soll nun der Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration vollzogen werden – ab dann gilt in Deutschland das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration.

Der Landwirt würde lieber heute als morgen auf das Kastrieren der männlichen Ferkel verzichten. Es ist eine unschöne Arbeit, die niemand gern macht.

Zur Zeit gibt es drei Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration:

  1. Ebermast – man mästet die Tiere einfach als Eber.
  2. eine so genannte „Immunokastration“ – den Tieren wird zweimal eine Art Impfstoff gespritzt. Dieses Präparat wirkt an den Rezeptoren, so dass letztlich die Hormone, die für diesen unangenehmen Geruch/Geschmack verantwortlich sind, nicht gebildet werden.
  3. Kastration unter Vollnarkose – hierzu muss nach jetziger Gesetzeslage der Tierarzt die Tiere betäuben.

Diese drei Verfahren sind alle zum jetzigen Standpunkt zugelassen und dadurch sofort „einsatzfähig“. In der momentanen Diskussion ist noch ein „vierter Weg“ – die Lokalanästhesie. Hier wird ein Lokalanästhetikum vor der Kastration in den Samenstrang und unter die Haut injiziert. Dieser Weg wird v.a. von den landwirtschaftlichen Verbänden propagiert. Er ist jedoch bislang weder zugelassen noch existiert eine Ausnahmeregelung, dass der Landwirt diese Lokalanästhesie durchführen darf.

Alle Verfahren haben Vor- und Nachteile

Welche Alternative ist nun die Beste? Das ist eine gute Frage, die abschließend nicht beantwortet werden kann. Jede Alternative hat ihre Vor- und Nachteile:

  1. Ebermast – Die Ebermast wäre der einfachste Weg, die betäubungslose Ferkelkastration zu umgehen. Die Tiere werden einfach nicht mehr kastriert und als Volleber gemästet. In anderen Ländern ist dies ein gängiger Weg, wahlweise wie bei uns bis 120kg Lebendgewicht oder schon mit etwa 85kg Lebendgewicht geschlachtet. In vielen Betrieben funktioniert die Ebermast ohne Komplikationen. Andere Betriebe berichten allerdings von Kämpfen und teilweise schwere Verletzungen in der Endmast sowie während des Transports zum Schlachthof. In gemischt-geschlechtlichen Gruppen sind die Tiere weniger aggressiv. Hier besteht jedoch die Gefahr, dass trächtige Sauen geschlachtet werden. Eine weitere Herausforderung ist die Fettqualität. Diese ist bei Ebern anders als bei Kastraten, so dass die Fleischerinnung diesen Weg ablehnt. Eberfett wird schneller ranzig als Fett von Sauen bzw. Kastraten. Deswegen eignet sich Eberfleisch z. B. nicht zur Herstellung von Salami oder rohem Schinken. Außerdem gibt es immer noch kein standardisiertes Nachweisverfahren für Ebergeruch, was die Vermarktung insgesamt erschwert. Eine Möglichkeit wäre, wie es auch in anderen Ländern schon praktiziert wird, die Eber leichter zu schlachten. Kommen weibliche und männliche Tiere mit unterschiedlichen Körpergewichten am Schlachthof an, sind, wegen des Größenunterschiedes, zwei getrennte Schlachtbänder nötig. Die Schlachtkosten bleiben zudem gleich, jedoch bei geringerem Schlachtgewicht, so dass sich die Schlachtkosten pro kg Schlachtgewicht erhöhen.
  2. Immunokastration – Bei der Immunokastration wird den Tieren zweimal eine Art Impfstoff (Improvac®) gespritzt. Dieses Präparat wirkt an den Rezeptoren, so dass letztlich die Hormone, die für diesen unangenehmen Geruch/Geschmack verantwortlich sind, nicht gebildet werden. Tierschützer und NGO’s sehen diesen Weg neben der Ebermast als den Königsweg an. Und auch die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (kurz TVT) fordert die Immunokastration, weil die Schweine dabei unversehrt bleiben.Einige Fragen bleiben bei der Immunokastration: wie ist bei diesen Tieren die Fettqualität und wie sieht es mit dem Tierschutz bzw. der Lebensmittelsicherheit aus? Denn einige Schweinehalter, die Improvac® bei ihren Tieren angewendet haben, berichteten von massiven Impfabzessen im Nackenbereich. Weltweit sind immunokastrierte Tiere seit Jahren im Handel. In Belgien, Australien oder Südamerika wird bereits in relevanten Größenordnungen geimpft. Brasilien und Australien exportieren erfolgreich immunokastrierte Tiere, auch beispielsweise nach China. In Deutschland liegt ebenso seit Jahren Fleisch von immunokastrierten Tieren in den Kühltheken. Denn Belgien ist der Vorreiter der Immunokastration und exportiert einen großen Teil seines Fleisches an uns.
  3. Kastration unter Betäubung – Eine weitere Möglichkeit stellt die Kastration nach vorheriger Betäubung dar. Hier gibt es wiederum drei Möglichkeiten:
  • die Injektionsnarkose
  • die Inhalationsnarkose
  • die lokale Anästhesie

Eine Inhalationsnarkose mit Isofluran oder CO² ist rechtlich nicht zulässig. Dadurch dass mit der Injektionsnarkose eine Möglichkeit zur Verfügung steht, existiert auch kein sogenannter „Therapienotstand“, der eine Umwidmung ermöglichen würde. Auch der „vierte Weg“ mittels Lokalanästhesie ist aktuell nicht rechtskonform. Das Tierschutzgesetz fordert eine wirksame Schmerzausschaltung, was mittels Lokalanästhesie nicht gegeben ist. Zudem hat zur Zeit kein Präparat eine Zulassung für die Ferkelkastration. Sowohl die Bundestierärztekammer (kurz BTK) und auch die TVT lehnen die Lokalanästhesie aus den oben genannten Gründen ab. Das Verfahren der Injektionsnarkose ist im Moment der einzige rechtskonforme Weg in Deutschland. Sie verringert nachweislich den Kastrationsschmerz. Die Tiere schlafen allerdings sehr lang nach, kühlen leicht aus und verpassen vor allem mehrere Mahlzeiten, was sowohl für Ferkel, als auch Muttersau eigentlich nicht zu empfehlen ist. Außerdem besteht das Risiko der Ferkelverluste durch die Narkose, und die Wundheilung ist herabgesetzt.

 

Die Zeit läuft – steht ein weiterer Strukturwandel bevor?

Es wird ständig suggeriert, dass die Landwirte sich mit Händen und Füßen gegen ein Verbot der betäubungslosen Kastration wehren. Dem ist in den meisten Fällen nicht so. Der Landwirt würde lieber heute als morgen auf das Kastrieren der männlichen Ferkel verzichten. Es ist eine unschöne Arbeit, die niemand gerne macht.

Viele Schweinehalter sind jedoch reine Ferkelerzeuger, d.h. sie verkaufen ihre Tiere nicht direkt an einen Schlachthof. Sie halten die Ferkel bis etwa 30kg und verkaufen diese dann an einen Mäster.

Die Mäster sind frei, d.h. sie sind von dieser „Neuregelung“ nur am Rande betroffen. Allein bei der Immunokastration bliebe die Arbeit (und vermutlich auch die Kosten) an ihnen hängen.

Nur insgesamt können die reinen Mäster frei entscheiden, welche Ferkel sie kaufen/einstallen. Deutschland bezieht zur Zeit schon etwa 12 Millionen Ferkel aus dem Ausland, Tendenz steigend. Die Grenzen sind offen, d.h. es bleibt jedem Mäster freigestellt, kastrierte Ferkel aus dem europäischen Ausland zu kaufen. Den deutschen Ferkelerzeugern läuft derweil die Zeit davon. Die Sauen der Ferkel, auf die die Neuregelung zutrifft, werden im Spätsommer bzw. zum Herbstanfang belegt. Ein Sauenhalter, der nicht genau weiß, was sein Abnehmer will bzw. der nicht sicher ist, dass er seine Tiere auch verkaufen kann, kann im August/September seine Sauen eigentlich nicht mehr belegen. So könnte der Anfang vom Ende aussehen – der Strukturwandel schreitet voran, und die Schweineproduktion wandert ab.

Blick über die Grenzen

In Europa gibt es bislang keine einheitliche Regelung hinsichtlich der betäubungslosen Ferkelkastration. Nur in Schweden ist seit dem 01.01.2016 die betäubungslose Kastration verboten. Es ist eine Kastration unter Lokalanästhesie mittels dem Wirkstoff „Lidocain“ (hat in Deutschland keine Zulassung für die Indikation) und der Verabreichung eines Schmerzmittels durch den Landwirt selber möglich. Die Niederlande setzt intern auf Ebermast und für den deutschen Ferkelexport auf die CO² Narkose. Diese gilt allerdings in Deutschland nicht als tierschutzgerecht. In Dänemark ist eine Kastration unter Schmerzmitteln mit einer postoperativen Langzeitwirkung vorgeschrieben. Die Dänen planen keine Verschärfung im „Alleingang“ sondern warten auf eine gesamteuropäische Lösung. Seit Januar 2018 dürfen Ferkelerzeuger auf freiwilliger Basis die lokale Betäubung mittels dem Wirkstoff „Procain“ bei der Ferkelkastration durchführen – Voraussetzung dafür ist eine Schulung. Ab 1. Januar 2019 wird diese vom dänischen Qualitätsprogramm DANISH als Anforderung gesetzt.

In einigen EU-Ländern werden traditionell Eber gemästet. Hier wird vielerorts der Ebergeruch in Kauf genommen, oder die Tiere werden leichter geschlachtet. In anderen Ländern der EU wird die Kastration als notwendig angesehen, das heißt es gibt keine weiteren rechtlichen Vorgaben hinsichtlich Schmerzbehandlung oder gar Schmerzausschaltung.

Die deutschen Ferkelerzeuger haben somit ab dem 01.01.2019 einen massiven Wettbewerbsnachteil, wenn in den Ferkelexportländern zum Jahreswechsel keine vergleichbaren Regeln gelten, und sich die Schlachtunternehmen beziehungsweise der Lebensmitteleinzelhandel für einen Weg und einem Mehrwert an 4xD (in Deutschland geboren, aufgezogen, geschlachtet und zerlegt) ausspricht. Denn jedes Verfahren hat seinen Preis. Die Ferkelerzeuger können es sich nicht leisten, auf den Kosten oder gar auf den Ferkeln sitzen zu bleiben.

 

Quellen bzw. weiterführende Links:

http://www.animal-health-online.de/gross/2014/09/19/ebermast-vieles-spricht-fur-die-immunokastration/28433/

https://www.stallbesuch.de/immunokastration-maennlicher-ferkel/

http://www.wir-sind-tierarzt.de/2015/02/vergleich-betaeubung-ferkelkastration/

https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/Tier/Tierschutz/Regierungsbericht-Ferkelkastration.pdf?__blob=publicationFile

https://www.tierschutz-tvt.de/index.php?id=50&no_cache=1&download=TVT-Stellungn._Betäubungslose_Kastration_Schwein__Juni_2016_.pdf&did=112

http://www.bundestieraerztekammer.de/index_btk_presse_details.php?X=20170607114358

http://www.wir-sind-tierarzt.de/download/Positionspapier-Lokalanaesthesie-Ferkelkastration.pdf

http://www.wir-sind-tierarzt.de/2016/12/ferkelkastration-wer-macht-was-in-europa/

https://www.bayerischerbauernverband.de/ferkelkastration-andere-laender-sind-weiter?layout=print