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Ferkelkastration: Schmerzausschaltung vs. Schmerzminderung

Das Thema Ferkelkastration beschäftigt uns nun schon seit Jahren – jedoch je näher der 01.01.2019 rückt, desto hitziger werden die Diskussionen. Ich merke, dass sich immer mehr Menschen in diese Diskussion einbringen – das ist wichtig und richtig. Jedoch sehe ich auch, dass immer mehr Dinge durcheinander geraten. Deswegen möchte ich hier einmal ein paar Fakten zum Thema „Ferkelkastration“ zusammentragen.

Warum werden Ferkel überhaupt kastriert?

Eber produzieren männliche Geschlechtshormone und geschlechtsspezifische Ebergeruchsstoffe. Diese werden über das Blut in den ganzen Körper, auch in das Muskelfleisch, verteilt. Wird das Fleisch erhitzt, kann dies zu unangenehmen Geruchs- und Geschmacksveränderungen führen. Das Fleisch hat den typischen „Ebergeruch“. Viele Menschen empfinden diesen Geruch als unangenehm, so dass das Fleisch für diese Menschen ungenießbar wird.

Wie wird bislang kastriert?

Im Moment ist es noch erlaubt, die Ferkel innerhalb der ersten acht Lebenstag ohne Betäubung, d.h. bei vollem Bewusstsein, zu kastrieren. Die Branche hat 2008 die sogenannte „Düsseldorfer Erklärung“ verabschiedet. Das Ziel der Erklärung ist, unter Ausschluss jeglicher Risiken für die Verbraucher und die Tiere, auf die Kastration gänzlich verzichten zu können. Bis zum Erreichen dieses Ziels soll die Ferkelkastration in Verbindung mit einem schmerzstillenden Mittel durchgeführt werden. Dieses ist seit April 2009 für Betriebe, die durch QS zertifiziert sind, verpflichtend. Hier heißt es im Leitfaden Schwein:

Es müssen Schmerzmittel zur Linderung von postoperativen Schmerzen nach der Kastration von Saugferkeln eingesetzt werden.

Eine Gabe von Schmerzmitteln nach der Kastration ist natürlich besser als ohne, allerdings wäre es viel besser, diese schon 15-20 Minuten vor dem Eingriff zu verabreichen. Nur dazu später mehr.

Was soll sich nun ändern?

Damit soll nun Schluss sein: im Tierschutzgesetz ist eine Deadline für die betäubungslose Ferkelkastration gesetzt. Ab dem 01.01.2019 dürfen Ferkel nur noch unter Betäubung oder „lokaler Schmerzausschaltung“ kastriert werden:

An einem Wirbeltier darf ohne Betäubung ein mit Schmerzen verbundener Eingriff nicht vorgenommen werden. (…)  Dies gilt ferner nicht für einen Eingriff im Sinne des § 6 Absatz 1 Satz 2 Nummer 2a (die Kastration von männlichen Ferkeln unter 8 Tagen), soweit die Betäubung ohne Beeinträchtigung des Zustandes der Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit, ausgenommen die Schmerzempfindung, durch ein Tierarzneimittel erfolgt, das nach arzneimittelrechtlichen Vorschriften für die Schmerzausschaltung bei diesem Eingriff zugelassen ist.

Warum ist es überhaupt erlaubt, Ferkel ohne Betäubung zu kastrieren?

Das ist eine sehr gute Frage, denn die Ferkelkastration stellt im Tierschutzgesetz doch gleich bei zwei Paragraphen eine große Ausnahme dar: zunächst, dass sie ohne Betäubung durchgeführt werden darf (§5 Tierschutzgesetz). Und zweitens, dass sie überhaupt erfolgen darf – denn §6 Tierschutzgesetz besagt, dass das vollständige Entnehmen von Organen eines Wirbeltieres verboten ist. Warum nun die Betäubung bislang nicht erforderlich ist/war, kann ich nur vermuten: man ging lange Zeit davon aus, dass gerade junge Lebewesen, ein geringeres Schmerzempfinden haben als ältere. Gefunden habe ich dazu Folgendes vom Kollegen Ernst-Günther Hellwig, Fachtierarzt für Schweine und Agrarwissenschaftler, AVA:

Wir Tierärzte waren schon froh, als in den 80er Jahren das Kastrationsalter von 6 bis 8 Wochen auf bis höchstens 7 Tage Lebensalter gesenkt wurde. Damalige Versuche haben gezeigt, dass männliche Ferkel bis zum 3. Lebenstag kastriert, kaum Schmerzen leiden, innerhalb einer halben Stunde keinerlei Verhaltensauffälligkeiten in Sachen Schmerz, und im Vergleich zu den Kontrollgruppen, also den weiblichen Saugferkeln, keinerlei Leistungseinbußen zeigten. Natürlich hätte man damals schon Schmerzmittel geben können, dies war aber nirgendwo üblich.

Welche Schmerzen entstehen?

Bei einer Operation haben wir mit mehreren „Arten“ von Schmerzen zu tun. Auf der einen Seite sind da die sogenannten „nozizeptiven“ Schmerzen – das sind Schmerzen, die z.B. durch den Schnitt entstehen: es wird die Haut, Muskeln, Nerven und Gewebe durchtrennt, so dass es zu einem Gewebetrauma während der OP kommt, und das ist schmerzhaft. Auf der anderen Seite sind da die entzündlichen Wundschmerzen, ebenfalls durch das entstandene Gewebetrauma (s.o.), die nach dem Eingriff da sind. Die Crux ist nun, beide Schmerztypen erfolgreich zu „behandeln“.

Allgemeinanästhesie vs. lokale Schmerzausschaltung

Mit einer Allgemeinanästhesie ist eine Vollnarkose gemeint, d.h. die Tiere sind während des Eingriffs bewusstlos. Beim Schwein sind zwei Arten der Vollnarkose möglich: eine Injektionsnarkose oder eine Inhalationsnarkose, d.h. die Tiere bekommen eine Maske, über die sie ein Narkosegas einatmen. Über den Bewusstseinsverlust wird hier eine Schmerzausschaltung während des Eingriffs erreicht.

Lokalanästhetika sind Präparate, die eine Schmerzausschaltung machen können ohne über das Bewusstsein zu wirken = Lokalanästhesie = örtliche Betäubung. Es gibt unterschiedliche Methoden diese anzuwenden. Eine Methode ist die Infiltration, d.h. hier werden nur lokale Schmerzrezeptoren und kleine Hautnerven von der Empfindungsweiterleitung ausgeschaltet. Eine andere Möglichkeit ist eine Leitungsanästhesie. Darunter versteht man die gezielte Ausschaltung bestimmter Nerven bzw. Nervenäste durch Umspritzung mit Lokalanästhetika (z.B. eine rückenmarksnahe Injektion – viele von Euch werden als Beispiel eine „PDA“ kennen).

Schmerzausschaltung oder schmerzlindernd?

Das Tierschutzgesetz schreibt wie oben mehrfach erwähnt eine Schmerzausschaltung während des Eingriffs vor. Zusätzlich müssen vollkommen unabhängig von der Art der Betäubung zusätzlich Schmerzmittel gegen den postoperativen Wundschmerz verabreicht werden. Diese Schmerzmittel können den Wundschmerz nicht ausschalten aber lindern.

Warum findet nun eine Diskussion statt bezüglich des Wortes „Schmerzausschaltung“?

Eine Lokalanästhesie kann natürlich eine vollumfängliche Schmerzausschaltung machen. Dazu muss vor allem die Haut des Hodensackes und der Samenstrang betäubt werden. Hier gibt es jedoch aus Sicht der Wissenschaft noch mehrere Herausforderungen, die es zu meistern gilt:

  1. zeigen bislang die Untersuchungen, dass die Injektion des Lokalanästhetikums äußerst schmerzhaft ist – kurz gesagt, dass brennt aufgrund des pH-Wertes (in der Studie von Zöls et al. wird die Injektion sogar schmerzhafter als die Kastration ohne Betäubung bewertet), so dass auch hier die Frage nach dem Tierschutz gestellt werden muss
  2. ist es bei einem Tier extrem schwierig, zu kontrollieren, ob die Injektion „sitzt“ – wir können unseren Patienten nicht fragen, ob er noch etwas spürt
  3. führen die in bisherigen Studien untersuchten lokalanästhetischen Verfahren maximal zu einer Schmerzreduktion, jedoch nicht zu einer Schmerzausschaltung, so dass die Vorgaben des Tierschutzgesetzes hier nicht erfüllt werden

Gerade der dritte Punkt bringt nun die Diskussion auf das Wort „Schmerzausschaltung“ – muss es denn eine Schmerzfreiheit sein, oder reicht nicht auch eine Schmerzlinderung während des Eingriffes. Hier gehen die Diskussionen sehr auseinander.

Ich persönlich bin der Meinung, dass wir im Bereich Tierschutz keine Rückschritte machen sollten und lehne aus diesem Grund eine Veränderung sprich Verschlechterung des Tierschutzgesetzes hinsichtlich der „Schmerzausschaltung“ ab. Vielmehr sollten wir weiterhin schauen, ob wir mit einer Lokalanästhesie nicht doch noch die Vorgaben erfüllen können – gelingt uns das nicht, sollten wir dieses Verfahren für die Ferkelkastration ad acta legen.

Aber andere Länder haben auch schöne Ferkel…

In Dänemark, Schweden und Norwegen werden die Ferkel unter Lokalanästhesie kastriert, wahlweise mit dem in der EU zugelassenem Wirkstoff „Procain“, in Schweden mit dem in der EU NICHT zugelassenen Wirkstoff „Lidocain“. In Holland geht man derweil den Weg über eine CO²-Betäubung. All dies schafft eine Wettbewerbsverzerrung zu Lasten der deutschen Ferkelerzeuger im europäischen Markt. Daraus sollte nun nicht resultieren, dass unser hiesiges Tierschutzgesetz verändert wird, so dass diese nicht tierschutzkonformen Praktiken legalisiert werden. Es ist doch eher die Frage, ob nicht die Tierschutzkonformität und auch die Anwendung in der EU nicht zulässiger Arzneimittel in diesem Rahmen in den oben genannten Ländern einmal zu prüfen seien.

Langfristige Lösungen

Kurzfristig muss zur Rettung der deutschen Ferkelerzeugung eine Fristverlängerung kommen. Natürlich besteht theoretisch die Möglichkeit, alle Tiere als Eber zu mästen und zu vermarkten. Dafür steht uns einerseits die Jungebermast zu Verfügung, andererseits die Immunokastration. Nur diese Tiere haben leider keinen Absatz. Bei der Kastration unter Betäubung ergeben sich gerade drei Probleme:

  1. haben wir einen Tierärztevorbehalt, so dass ein Tierarzt die Betäubung durchführen muss – das können unsere Schweinetierärzte schlichtweg nicht leisten.
  2. gibt es für die Injektionsnarkose zur Zeit kein Azaperon – die Injektionsnarkose ist eine Mischspritze aus zwei Präparaten, wovon eins zur Zeit nicht erhältlich ist.
  3. ist Isofluran immer noch nicht zugelassen – die Inhalationsnarkose ist neben der Injektionsnarkose die zweite Möglichkeit der Vollnarkose, jedoch ist das Präparat immer noch nicht in Deutschland zugelassen.

Aus diesen Gründen brauchen wir diese Fristverlängerung.

Mittelfristig werden wir die Tiere, die kastriert werden müssen, unter Betäubung kastrieren. Dazu benötigen wir einen Erlass nach §6 Abs. 6 Tierschutzgesetz, so dass die Landwirte nach erfolgreicher Schulung die Betäubung selber durchführen dürfen.

Langfristig jedoch sollten wir daraufhin arbeiten, dass wir komplett aus der Kastration aussteigen. Dieses muss jedoch in europaweit durchgesetzt werden. Und das können die Landwirte nicht leisten. Hier sind die Politik, der Handel und letztendlich jeder gefragt, der Schweinefleisch konsumiert.  Denn machen wir uns nichts vor, nur ein unversehrtes Ferkel hat definitiv keine Schmerzen bei der Kastration.

Ihr habt Fragen zum Thema? Scheut Euch nicht, sie uns zu stellen!

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Ferkelkastration, Landwirtschaft, Markt, Politik, Schweinehaltung

Offener Brief an QS zum Thema Ferkelkastration

Sehr geehrter Herr Dr. Nienhoff,

seit der Düsseldorfer Erklärung verfolgen wir die Debatte um das Thema der betäubungslosen Ferkelkastration. Nun ist es Herbst 2018, der Ausstieg steht zum 01.01.2019 bevor, und es sind immer noch keine flächendeckenden Lösungen gefunden. Die Bundesländer lehnten im Bundesrat eine Fristverlängerung ab, das hat die Branche geschockt. Nun arbeitet die Bundesregierung an einem Gesetzesentwurf, der eventuell noch eine Verlängerung der Frist bringen könnte.

Am 13.03.2017 hat der Fachbeirat Rind und Schwein richtig erkannt, dass es zu einer Wettbewerbsverzerrung kommen wird, wenn im Ausland nach niedrigeren Tierschutzstandards kastriert werden kann und dann die Tiere bzw. das Fleisch nach Deutschland importiert und mit QS-Siegel verkauft werden dürfen. In Ihrer Pressemitteilung heißt es dazu korrekterweise:

Um einer zu erwartenden Wettbewerbsverzerrung entgegen zu wirken, hat der QS-Fachbeirat Rind und Schwein die QS-Anforderungen schon jetzt klargestellt. Demnach gelten ab dem 1. Januar 2019 für alle QS-Teilnehmer – im In- und Ausland – die Vorgaben des deutschen Tierschutzgesetzes zur betäubungslosen Ferkelkastration.

Besonders wichtig ist, dass diese Vorgaben auch für Tiere und Fleisch gelten, die aus dem Ausland über die Anerkennung anderer Standards in das QS-System geliefert und vermarktet werden. Darüber hinaus geht es nicht allein um die Tiere, sondern auch um Mastschweine und Schweinefleisch, das von Ferkeln stammt, die chirurgisch kastriert sind. Der Beschluss hat also sowohl Gültigkeit für die Landwirtschaft als auch für alle nachgelagerten Produktions- und Vermarktungsstufen.

 

Auch in der Pressemitteilung zum Positionspapier vom 19.04.2018 heißt es noch:

Die gesetzlichen Voraussetzungen für die eingesetzten Methoden werden sich in den Herkunftsländern auch zukünftig unterscheiden. QS wird allerdings Alternativverfahren nur akzeptieren, die der Vorgabe Betäubung oder Schmerzausschaltung gerecht werden. Für Lieferanten ins QS-System wird der Grundsatz der Gleichbehandlung gelten, erläutert Nienhoff. Das heißt: Auch Sauenhalter im Ausland, die ihre Tiere an Schweinemäster im QS-System liefern, müssen ab 2019 die Anforderungen des deutschen Tierschutzgesetzes erfüllen. Außerdem dürfen im QS-System Schweinefleisch und Schlachtschweine auch aus dem Ausland nur dann vermarktet werden, wenn auch die Ferkel, die ab 2019 geboren werden und chirurgisch kastriert werden, nach den Anforderungen des deutschen Tierschutzgesetzes behandelt wurden.

Entsetzt hat uns diesbezüglich die Kehrtwende von QS hinsichtlich des Imports von Ferkeln, die mittels CO²-Narkose bzw. Lokalanästhesie kastriert wurden. Bei agrarheute heißt es dazu am 17.07.2018:

QS könne nicht die nationalen Unterschiede in den Verfahren ausgleichen und deshalb auch nicht ein Verfahren, das im Ausland zugelassen sei, aber in Deutschland nicht, ausschließen. Die Verfahren, die im Ausland rechtlich zugelassen sind, dürfen bei Tieren, die in das QS-System eingeführt werden, auch angewandt werden.

QS könne nicht geradebiegen, was die Politik vermasselt habe. Abgesehen davon würden wohl viele deutsche Mäster protestieren, wenn plötzlich keine Ferkel mehr aus Dänemark oder Niederlande nach Deutschland importiert werden dürften.

 

Wir stellen uns nun die Frage, wann und vor allem aus welchem Grund QS hier die klare Haltung in den vorherigen Pressemitteilungen aufgegeben hat?

 

Über eine Antwort würden wir uns sehr freuen.

 

Mit freundlichen Grüßen

Nadine & Heinrich Henke
Brokser Sauen

Allgemein, Ferkelkastration, Landwirtschaft, Schweinehaltung

Kastrieren unter lokaler Betäubung – (wie) geht das?

„Männliche Ferkel kastrieren mit Betäubung“, so titelte „Unser Land“ am 12.10.2018 um 19.00 Uhr im BR.

In der Mediathek heißt es dazu weiter:

Ferkel kastrieren ohne Schmerzausschaltung ist ab 1. Januar 2019 verboten. Was dann? Die Mehrheit der Bauern plädiert für den sogenannten 4. Weg: eine lokale Betäubung mit dem Anästhetikum Procain. Das Problem: Procain ist für den Einsatz bei Tieren, die für den menschlichen Verzehr bestimmt sind, noch nicht zugelassen. Außerdem ist fraglich, ob damit wirklich eine Schmerzausschaltung garantiert ist.

Tatsächlich hat der Wirkstoff „Procain“ schon lange eine Zulassung und ist zur Zeit das einzige zugelassene Lokalanästhetikum für lebensmittelliefernde Tiere. Das Präparat „Isocain“ ist bereits seit dem 08.10.2008 für Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und Pferde zugelassen.

Nun aber zum Film an sich:

Herr Dr. Randt vom Tiergesundheitsdienst Bayern (TGD) propagiert die Lokalanästhesie als seit Jahrzehnten bewährte Methode, sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin. Recht hat er, die Lokalanästhesie ist eine gute und bewährte Methode für viele kleinere und größere Eingriffe. Nur ob die Kastration von männlichen Ferkeln auch dazuzählt, mag ich hier bislang nicht eindeutig mit „ja“ beantworten.

Umsetzbarkeit im Betrieb

Ich halte die Umsetzbarkeit im Betrieb für sehr schwierig bis nicht erfüllbar, und das möchte ich Euch anhand des Filmes verdeutlichen – deshalb schaut Euch doch bitte zuerst den Film an:

„Männlicher Ferkel – kastrieren mit Betäubung“

Dr. Lisa Louis (wir haben übrigens in Hannover zusammen studiert) möchte in einem „Praxistest“ die vermeintliche Wirksamkeit der Lokalanästhesie unter Praxisbedingungen zeigen. Bereits die Injektionstechnik verwundert allerdings. Das Präparat darf nicht in die Blutbahn, da es sonst zu Herzrhythmusstörungen bis hin zu Kammerflimmern kommen kann. Deswegen wird in der Packungsbeilage darauf hingewiesen, dass eine korrekte Platzierung der Kanüle durch Aspirieren (kurzes Aufziehen der Spritze nach dem Einstechen und gucken, ob Blut kommt) sicher zu stellen ist. Wie in dem Video zu sehen ist, verabreicht die Tierärztin das Präparat mit einer Multidosierspritze mit aufgesetzter Arzneiflasche. Mit dieser Injektionstechnik ist es allerdings unmöglich, die korrekte Platzierung der Kanüle zu überprüfen.

Bei der Dosierung wird beim rechten Hoden 1,5 Mal abgedrückt, beim linken Hoden zweimal. Wie die Dosierung insgesamt ist – 1,5-2 ml, weiß man nicht. In der Packungsbeilage vom Isocain ist zu lesen, dass eine Überdosierung zu vermeiden ist:

Da Überdosierungen und intravasale Injektionen mit einem hohen Risiko für zentrale und kardiale Effekte (konzentrationsabhängig zentrale Erregung bzw. Depression, Herzrhythmusstörungen, Kammerflimmern) verbunden sind, ist auf genaue Dosierung und sorgfältige Injektionstechnik zu achten.

Obendrein läuft ein großer Teil der Injektion sofort wieder heraus – von einer präzisen Dosierung kann hier keine Rede sein. Der Produktinformation des Herstellers zu Isocain ist jedoch zu entnehmen:

Die Gesamtdosis soll 5 mg Procainhydrochlorid pro kg Körpergewicht (6 µg Epinephrin pro kg) entsprechend 2,5 ml Isocain ad us. vet. pro 10 kg Körpergewicht nicht überschreiten.

Demnach dürfte ein 1 kg schweres Ferkel nur insgesamt 0,25 ml Isocain erhalten – das wären dann 0,125 ml je Injektionsstelle. Wieviel Procain insgesamt verabreicht wurde, lässt sich in dem Film ja nur erahnen – ich würde jedoch mal ganz frech behaupten, dass die Dosierung nicht so genau genommen wurde.

Ferkel zeigen ein Schmerzgesicht

Zur Injektion erklärt dann die Tierärztin, dass grundsätzlich jede Injektion schmerzhaft ist. Dem ist auch definitiv so – jedoch gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass genau diese Injektion mit Procain schmerzhafter ist, als die Kastration ohne Betäubung. Weiterhin heißt es, dass die Ferkel immer schreien – „Schreien ist Normalverhalten vom Schwein“ – hm, das sehe ich etwas anders. Unsere Ferkel schreien in der Regel nicht. Sie schreien jedoch, wenn sie Stress haben. Wenn sie Schmerzen haben, schreien Ferkel allerdings eher nicht bzw. weniger. Sie schreien nicht, weil sie dadurch Fressfeinde anlocken würden. Die Vokalisation der Tiere zur Beurteilung von Schmerzen heranzuziehen, ist schon etwas fragwürdig. Deshalb ist die Konsequenz – das Ferkel schreit bei der Injektion/der Kastration nicht mehr als vorher, es spürt also keine Schmerzen – nicht haltbar. Schweine – besonders Ferkel zeigen stattdessen ein sogenanntes „Schmerzgesicht“.

Bildquelle: Development of a Piglet Grimace Scale to Evaluate Piglet Pain Using Facial Expressions Following Castration and Tail Docking: A Pilot Study.

 

Betäubung sitzt? Trial and error!

Nach einer Wartezeit von 45 min werden die Ferkel erneut eingefangen, bekommen ein Schmerzmittel und werden dann mit einer Zange kastriert. Dazu werden sie zwischen den Beinen des Landwirts fixiert – er kann das Gesicht (s.o. Schmerzgesicht) nicht sehen. Es erfolgt vorher keinerlei Kontrolle hinsichtlich des Erfolgs der Betäubung – es ist ein „trial and error“. Die Ferkel werden kastriert – anhand der „nicht Abwehrbewegungen“ des vollkommen fixierten (!) Ferkels geht man davon aus, dass die Betäubung sitzt. Dass der Landwirt beim kneifen/schneiden ebenfalls die Hinterbeine fixiert, scheint hier ebenfalls keine Rolle zu spielen. Wie soll das Ferkel in der Position überhaupt strampeln bzw. Abwehrbewegungen zeigen? Bei einem anderen Tier, wo er nur ein Bein fixiert, sind durchaus Abwehrbewegungen zu erkennen.

Hinterher kann ebenfalls sehen, dass die Ferkel Schmerzen spüren – bei 5:08 min ist ein Ferkel zu sehen, das mit dem Schwanz wackelnd und mit dem Hinterbein schlagend durch das Bild läuft. Wenn es keine Schmerzen verspüren würde, würde es nicht diese Abwehrbewegungen machen.

Für mich bleibt die Eingangsfrage – ist der sogenannte vierte Weg eine richtige und gute Methode für die Ferkelkastration? Hierzu meint Professor Dr. Thomas Richter von der TVT (Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz):

Nein, der vierte Weg ist nicht die Lösung, weil das in der Realität unter Praxisbedingungen nicht tierschutzkonform machbar ist. Man muss, wenn man das richtig machen will, die Haut des Hodensacks betäuben – mit einer Injektion. Man muss dann zweitens den Samenstrang, also die Blutgefäße und die Nerven, die aus der Bauchhöhle in den Hodensack ziehen, nochmal betäuben. Das sind vier Injektionen pro Ferkel. So ein kleines Ferkel, das zappelt, das ist ganz schwierig, das wirklich richtig zu treffen. Und wenn man einen durchschnittlichen Betrieb sich anschaut, dann muss der alle drei Wochen an einem Nachmittag 300 Ferkel kastrieren, dass heißt das ist eine Arbeit im Akkord. Das geht sehr, sehr schnell. Und in dieser Zeit – unter den Praxisbedingungen – ist es nicht möglich, ist es nicht vorstellbar, dass die Ferkel alle ordnungsgemäß betäubt sind.

Quelle: Interview mit Prof. Dr. Richter in Unser Land vom 12.10.2018 (ab 13:14 min)

weiterführende Links:

Pain behaviour after castration of piglets; effect of pain relief with lidocaine and/or meloxicam

Untersuchungen zur Wirksamkeit und Gewebeverträglichkeit von Lokalanästhetika bei der Kastration männlicher Saugferkel

Möglichkeiten der Schmerzreduzierung bei der Kastration männlicher Saugferkel