Landwirtschaft, Politik, Schweinehaltung

Wie die Zukunft der deutschen Ferkelproduktion am Samenstrang hängt…

In Deutschland werden bislang die meisten männlichen Ferkel betäubungslos kastriert. Dieses geschieht, damit das Fleisch der Tiere später nicht unangenehm riecht, wenn man es brät. Ab 1.1.2019 soll nun der Ausstieg aus der betäubungslosen Ferkelkastration vollzogen werden. Ich muss sagen, ich finde das gut. Auch ich halte eine Kastration ohne vernünftige Schmerzausschaltung für absolut inakzeptabel, und ich begrüße die Diskussion zu diesem Thema.

Tja, jetzt fragt Ihr Euch sicher: „Thema erledigt – und was will die jetzt noch?“

Der Landwirt ist der Buh-Mann

Es wird ständig suggeriert, dass die Landwirte sich mit Händen und Füßen gegen ein Verbot der betäubungslosen Kastration wehren. Dem ist in den meisten Fällen nicht so. Der Landwirt würde lieber heute als morgen auf das Kastrieren der männlichen Ferkel verzichten. Es ist eine unschöne Arbeit, die niemand gern macht.

Drei Alternativen

Zur Zeit gibt es drei Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration:

  1. Ebermast – man mästet die Tiere einfach als Eber.
  2. eine so genannte „Immunokastration“ – den Tieren wird zweimal eine Art Impfstoff gespritzt. Dieses Präparat wirkt an den Rezeptoren, so dass letztlich die Hormone, die diesen unangenehmen Geruch/Geschmack machen, nicht gebildet werden.
  3. Kastration unter Vollnarkose – hier muss der Tierarzt die Tiere betäuben.
  4. In der Diskussion ist zudem noch ein vierter Weg – die Lokalanästhesie – hier wird ein Lokalanästhetikum vor der Kastration in den Samenstrang und unter die Haut injiziert.

Die beste Alternative

Häufig wird mir die Frage gestellt, welche Alternative ich für die Beste halte. Ohne jetzt jegliche, fachliche pro und contras der einzelnen Alternativen aufzuzeigen, ist und bleibt für mich persönlich ‚keine Kastration‘ die beste Alternative. Ganz nüchtern betrachtet sind wir Sauenhalter damit einfach am wenigsten angreifbar. Es gibt keinerlei Diskussion über die Durchführung der Narkose, keine blutigen Videosequenzen mit eventuell noch zappelnden Ferkeln und keine Glaubwürdigkeitsprobleme hinsichtlich der postoperativen Schmerzbehandlung.

Manche Landwirte haben jedoch Angst, Eber zu mästen. Pubertierende Eber können am Ende der Mast unangenehm werden – sowohl gegen den Menschen als auch gegen ihre Kollegen. Es wird von Penisbeißen und gegenseitigen Aufreiten berichtet. Dieses Verhalten kann zu Verletzungen der Tiere führen.

Immunokastration

Um hier Abhilfe zu schaffen, gäbe es ja die Möglichkeit, die Tiere mit einer Art Impfstoff zu behandeln.

Immunokastration: Ende gut – alles gut?🤔 Schön wäre es – denn hier sind nun der Handel und die Schlachtunternehmen gefragt, bzw. letztendlich auch Ihr als Verbraucher. Denn Hand aufs Herz – würdet Ihr dieses Fleisch bedenkenlos kaufen?

Ein großer Teil des LEHs gibt an, alle Alternativen zur betäubungslosen Kastration zu akzeptieren, also sowohl Eberfleisch als auch immunokastrierte Schweine. Nur diese Nachfrage, die wir als Ferkelerzeuger so dringend bräuchten, kommt bei uns nicht an.

Mögliche Konsequenzen

Letztlich stehen wir als „die wollen ja gar nichts ändern“ Buhmänner ziemlich alleine auf weiter Flur. Denn es ist mitnichten so, dass wir es nicht anders wollen. Nur wir können nicht auf blauem Dunst hin einfach mal das Kastrieren einstellen. Viele Schweinehalter sind reine Ferkelerzeuger, d.h. sie verkaufen ihre Tiere nicht direkt an einen Schlachthof. Sie halten die Ferkel bis etwa 30kg und verkaufen diese dann an einen Mäster.

Die Mäster sind frei, d.h. sie sind von dieser „Neuregelung“ nur am Rande betroffen. Bei der Immunokastration bliebe allerdings die Arbeit (und vermutlich auch die Kosten) an ihnen hängen. Nur ihnen bleibt es zunächst freigestellt, welche Ferkel sie einstallen. Deutschland bezieht zur Zeit schon etwa 12 Millionen Ferkel aus dem Ausland, Tendenz steigend. Die Grenzen sind offen, d.h. es bleibt jedem Mäster freigestellt, kastrierte Ferkel aus dem europäischen Ausland zu kaufen. So könnte der Anfang vom Ende aussehen – die Schweineproduktion wandert ab.

Ihr seht, es ist letztlich ein kleiner Schnitt fürs Ferkel, jedoch ein großer Schnitt für die deutsche Ferkelproduktion.

P.S.: unsere Ferkel und wir haben nun schon seit Jahren das Glück, dass wir nicht mehr Kastrieren müssen – unsere Abnehmer mästen Eber 😉🐷

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10 Gedanken zu „Wie die Zukunft der deutschen Ferkelproduktion am Samenstrang hängt…“

  1. Liebe Nadine
    Schön das hier das Thema Ferkel Kastration mal wieder diskutiert wird. Im Rest der Republik wird das nähmlich gerade totgeschwiegen. Als Marktteilnehmer beobachte ich natürlich die Branche. Dabei reichen ich alle Fakten zusammen und sehe das : In den letzten 5 Jahren sind unter 20 Prozent der nötigen Nettounvestitionen in der Ferkelproduktion durchgeführt worden das heist es gab auch keine Ersatzinvestitionen das heist diese Betriebe werden aus der Produktion aussteigen – leider. Mein durchschnittlicher Kunde hat 350 Sauen. Leider muss ich mich darauf einstellen das die Produktion zurückgehen wird. Mal sehen wie sich das entwickelt. Gut mit den richtigen Produkten bei der richtigen Firma werden wir da schon durchkommen. Ach dann noch was zum kastrieren: Dezember 18 werden die Ferkelerzeuger bei Ihren Veterinären anrufen und erklären das ihre Abnehmer einen Teil der Ferkel nicht will. Die Veterinären können den ersten 10 Anrufern noch zusagen das sie einen Assistenten schicken der beim Kastrieren dabei ist…..dann wird es dünn und die Telefonkette geht los. Kreisvet- Landesvet……
    Jedenfalls fühlt sich diese Gesamt Situation für mich jetzt schon so an das sich einige Marktteilnehmer darüber sehr freuen. Ich hoffe das ich mich stark irre und der Handel und die Veterinäre und die Mäster von kurzfristigen Geschäften absehen.
    Gruß Stefan Hüning

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  2. Auf jeden Fall: Wenn das Schweinefleisch künftig nach „Eber stinkt“, dann bin ich/wir als Kunde verloren, denn dann kaufe ich/bzw. meine, Frau nur noch Rind! Egal wie kastriert wird oder nicht! (ich hatte früher selbst Schweinehaltung und kenne den unangenehmen Geruch!)

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    1. Das ist schade, aber durchaus verständlich. Ich reagiere auch sehr empfindlich auf diesen penetranten Geruch/Geschmack. Ich bin der Meinung, dass wir eine gute Detektionsmethode am Schlachthof benötigen, um die Stinker wirklich ausschließen zu können. Wie sehen Sie die Immunokastration?

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      1. Da kenne ich mich nicht aus, deshalb kann ich dazu nichts sagen. Die eine Frage ist, ob es von den Tierschützern akzeptiert wird und die andere, ob es von den sensiblen(Nase, Geschmack) Verbrauchern akzeptiert wird. Im Extremfall sind die deutschen Schweinehalter die Dummen dabei! Das wäre schade!

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  3. Hallo Brokser Sauen.
    Vielen Dank für eure super Öffentlichkeitsarbeit.
    Wir mästen im geschlossenen System seit ca. 2 Jahren auch Eber. Am liebsten würde ich das Kastrieren aber wieder anfangen. Die Verluste in der Endmast durch Aufreiten etc. sind alles andere wie schön.
    Alle reden in D immer nur von den 3 (4) Alternativen. Warum spricht niemand von einer früheren Vermarktung? Also mit ca. 80kg.

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    1. Hallo Thomas,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Deinen Ansatz halte ich für gut, allerdings bleiben sich die Schlachtkosten gleich, egal ob ein 120kg Schwein geschlachtet wird oder ein 80 kg schweres Schwein, d.h. pro kg Schlachtgewicht erhöhen sich die Schlachtkosten und die wertvollen Teilstücke sind kleiner. Ich denke, deshalb nehmen die Schlachtunternehmen diese Alternative nicht mit auf ihre Agenda.

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      1. Genau das ist das Problem. Die Schlachtunternehmer lassen das Problem durch die Bauern ausbaden mit allen Folgen. DA muss unbedingt angesetzt werden. Dann sind die Kastrationsprobleme vom Tisch. Den Ebern dann noch 25 % mehr Platz verordnen und Allen ist geholfen

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